Ein Schulsozialarbeiter sitzt mit drei Kindern am Tisch.

Rückblick zum 14. Community-Anlass Schulsozialarbeit | 14. September 2020

Thema: «InterProfessionell auf dem Weg – fachspezifische Aufgaben und Schnittmengen von Schulischer Heilpädagogik und Schulsozialarbeit.»

An einem Strang ziehen

Wenn Kinder und Jugendliche durch besonderes Verhalten auffallen, sind sowohl Schulsozialarbeitende als auch Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen gefordert. Welche Berufsgruppe wann und wo das Heft in die Hand nehmen soll, ist in der Praxis jedoch nicht immer eindeutig geklärt. Der Community-Anlass Schulsozialarbeit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule zeigte auf, wie die Zusammenarbeit zwischen beiden Professionen gelingt und warum es sich lohnt, auch unkonventionelle Richtungen einzuschlagen.

Die Schule ist ein Ort, der Kindern und Jugendlichen Raum zum Lernen im geschützten Rahmen bieten soll. Gleichzeitig wird sie oft auch zum Schauplatz, an dem sich Spannungen aller Art entladen und in unterschiedlichen Phänomenen manifestieren. Zum Beispiel in Mobbing. Schätzungsweise jedes 7. Kind ist davon betroffen. Wie sieht in Fällen von Mobbing und sozialer Ausgrenzung eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Schulsozialarbeitenden sowie Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen aus? Unter anderem um diese Frage ging es am 14. Community-Anlass Schulsozialarbeit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Heilpädagogik als eigenständiger Wissenschaft und ihrer Sichtweise auf Verhaltensauffälligkeiten. Auf dem Programm stand zudem ein Einblick ins Pilotprojekt Sozialpädagogik, mit dem die Schule Rorbas-Freienstein-Teufen ungewohnte Wege in der interdisziplinären Zusammenarbeit geht. Moderiert wurde der Anlass von Simone Hengartner Thurnheer, Dozentin an der OST und Lehrgangsleiterin des CAS Schulsozialarbeit, sowie Michael Praschnig, Schulsozialarbeiter an der Sekundarschule Arbon.

Was ist Mobbing und wer ist zuständig?

«Es braucht Mut zu erkennen, dass Wegschauen auch Gewalt ist. Es braucht noch mehr Mut, sich zu entscheiden, hinzuschauen und zu handeln. Unsere Gesellschaft braucht mutige Kinder, die morgen mutige Erwachsene sein werden; dazu müssen die Erwachsenen von heute den Mut aufbringen, den Kindern diesen Weg zu weisen und sie auf ihm zu begleiten.»

Mit diesem Zitat der Mobbingforscherin Françoise Alsaker machte die Klassenlehrerin und Heilpädagogin Sandra Ammann in ihrem Inputreferat deutlich, dass «ein konsequentes Einschreiten der Schule in Mobbingfällen» unumgänglich ist. Für sie steht fest: «Ohne dass Erwachsene intervenieren, ist es für Kinder unmöglich, aus der Opferrolle herauszukommen.» Doch wann spricht man von Mobbing und wer soll reagieren? In ihrer Masterarbeit hat Sandra Ammann die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Schulsozialarbeit und Heilpädagogik in Fällen von Mobbing und sozialer Ausgrenzung untersucht. Dazu befragte sie Vertreterinnen und Vertreter beider Disziplinen, wie sie aus ihrer subjektiven Sichtweise die fachspezifischen Aufgaben und Schnittmengen beschreiben würden. Dies mit dem Ziel, diese Aufgaben und Schnittmengen zusammenzustellen, eine Grundlage für die Rollen- und Aufgabenklärung zu schaffen und die Zusammenarbeit hinsichtlich Prävention, Früherkennung und Intervention zu optimieren.

Es stellte sich heraus, dass bereits die Definition von Mobbing eine Herausforderung bedeutet. Zudem zeigte sich, dass eine Kooperation zwischen Schulsozialarbeit und Heilpädagogik insofern erschwert ist, als die Befragten beider Disziplinen teils wenig über das Profil der anderen Berufsgruppe Bescheid wussten und nur marginale Überschneidungen mit dieser sahen.

In der Inhaltsanalyse hätten sich aber durchaus gemeinsame Aufgaben herauskristallisiert, erklärte Sandra Ammann. «So beobachten und erfassen beispielsweise beide Professionen das Verhalten der Kinder, bauen eine Beziehung zu diesen auf und bemühen sich um die Integration und Teilhabe einzelner». Aus den Resultaten schlussfolgerte die Heilpädagogin, dass im Fall von Mobbing und sozialer Ausgrenzung beide in der Verantwortung sind und eine Kooperation gefördert werden soll. Dies erfordert aus ihrer Sicht eine zusätzliche Sensibilisierung für das Thema Mobbing, aber auch Kenntnisse über die Rollen und Aufgaben des anderen Fachgebiets. Eine Möglichkeit für eine gelingende Zusammenarbeit sieht sie unter anderem darin, dass Gefässe für den Austausch geschaffen werden.

 «Unterschied liegt im Einsatzgebiet»

Die Schulsozialarbeit ist eine relativ junge Disziplin. Im Vergleich dazu blickt die Heilpädagogik auf eine bereits 100jährige Geschichte als eigenständige Wissenschaft zurück. Sie fand in den 1920er-Jahren ihren Anfang und unterlag verschiedene Strömungen. Jürg Blickenstorfer, Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH), veranschaulichte diese in seinem Inputreferat am Beispiel der heilpädagogischen Perspektive auf die Verhaltensauffälligkeit. Dieses Phänomen habe man im Laufe der Jahrzehnte mit verschiedenen Ursachen erklärt, so Blickenstorfer.

Die erste Heilpädagogik-Generation verstand Verhaltensauffälligkeit als biologisch bedingte Entwicklungshemmung. Unter anderem sahen die Fachleute gesunde Ernährung und Aufwachsen in einer natürlichen Umgebung, aber auch medizinische Massnahmen als Lösungsansätze. Ab den 1950er-Jahren dominierte die Sichtweise, dass es sich bei Verhaltensauffälligkeiten um eine psychologische Entwicklungshemmung handle. Diese Strömung war geprägt von einem philosophisch-anthropologischen Menschenbild. Im Zentrum stand die Suche nach den Ursachen der Verhaltensauffälligkeit. «Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende», war das Credo. In den 1970er und 1980-er Jahren herrschte in der Heilpädagogik der systemische Ansatz vor. Man sah Verhaltensauffälligkeit nicht mehr nur als Defizit des Kindes, sondern als Phänomen, das durch verschiedene Wechselwirkungen in dessen Umfeld in Erscheinung tritt. Ab 1990 kam die Special Needs Education auf, die auf die Teilhabe von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten abzielt.

Wie sieht Schulische Heilpädagogik heute aus? Die Aufgabe der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen bestehe darin, Kinder mit ausserordentlichem Erziehungs- und Bildungsbedarf zu fördern und damit die Regelpädagoginnen und Regelpädagogen zu entlasten, so Jürg Blickenstorfer. Die Heilpädagogik sei deswegen aber nicht eine ganz andere Disziplin, ebenso wenig wie etwa die Logopädie. «Fachleute dieser Bereiche verfügen über dieselben Schlüsselkompetenzen, haben diese aber unterschiedlich vertieft.» Auch zwischen Schulsozialarbeit und Heilpädagogik sieht er gemeinsame Aufgaben und Schnittmengen. «Der Unterschied liegt im Einsatzgebiet, die Ansätze sind jedoch ähnlich oder sogar gleich.»

Schulische Inhalte praktisch anwenden

Die Schule Rorbas-Freienstein-Teufen (RFT) verfügt über besondere Erfahrungen in der Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen. So hat sie eine vakante Heilpädagogik-Stelle im März 2019 bewusst mit einem Sozialpädagogen besetzt und damit das Pilotprojekt Sozialpädagogik gestartet. «Dieses hat unter anderem zum Ziel, Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf den Einstieg in die Berufs- und Lebenswelt zu erleichtern», sagte Michael Borrmann, Leiter Bildung der Schule RFT. Zusammen mit Schulsozialarbeiterin Priska Leumann stellte er das Projekt am Community-Anlass Schulsozialarbeit vor. Im Fokus des Projekts steht das Lernen anhand praktischer Tätigkeiten. Zum Beispiel wenden die Schülerinnen und Schüler Mathematik an, indem sie Zutaten abwiegen und messen, um daraus einen Teig zuzubereiten. Der Sozialpädagoge begleitet sie dabei. Die Kinder und Jugendlichen erhalten so eine besondere Förderung in einem geschützten Bereich, gehören aber nach wie vor einer Klasse an.

Schulsozialarbeiterin Priska Leumann sieht in der neuen Stellenbesetzung keine Konkurrenz, sondern eine wertvolle Unterstützung und Bereicherung. «Eine Umfrage hat auch gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler vorwärtskommen und sich gehört fühlen.»

Bei der anschliessenden Podiumsdiskussion konnten die rund 40 Teilnehmenden des Community-Anlasses Fragen stellen und eigene Gedanken einbringen. Das Fazit aus der Diskussion lautete: Die Schule ist angewiesen auf Fachleute verschiedener Disziplinen. Es ist wichtig, dass diese miteinander in den Austausch treten und Rollen konzeptuell klären. Danebst kann ein gesunder Pragmatismus situativ dennoch oftmals zielführender sein als eine zu starke Fokussierung auf einzelne Profile und fachspezifische Aufgaben. Entscheidend sind letztlich immer die Menschen dahinter und diese müssen zum Wohl der Kinder gemeinsam an einem Strang ziehen.

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