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Transnationale Fürsorge für Eltern in Krisenregionen

09.06.2026

Anfang Juni 2026 besuchten Kooperationspartnerinnen aus dem Forschungsprojekt «Transnational caregiving in protracted humanitarian crisis migration: Syrian migrants in Switzerland and Venezuelan migrants in Chile and Peru» die OST. Zusammen mit der Projektverantwortlichen an der OST, Nadia Baghdadi, nutzten sie die Gelegenheit, die bisherigen Projektergebnisse interessierten Kolleginnen und Kollegen aus dem Departement vorzustellen.

Nadia Baghdadi, Professorin am Institut für Soziale Arbeit im Lebensverlauf ISAL, eröffnete die Veranstaltung und begrüsste die Gäste. Erschienen sind mehrheitlich Kolleginnen aus dem Departement, welche mit und zu Rassismus- und Migrationsthemen arbeiten und forschen. 

Zu Beginn stellte die Projektinitiatorin Myrian Carbajal von der Haute école fribourgeoise de travail social (HES-SO) den Projektrahmen vor. Die Studie untersucht, wie Migrantinnen und Migranten die Pflege für ihre älteren Eltern organisieren und erleben, wenn diese in von Krisen betroffenen Herkunftsländern verbleiben. Besonderes Augenmerk des Projektes liegt darauf, welche Rolle Geschlechtervorstellungen, familiäre Verpflichtungen gegenüber den Eltern sowie gegenseitige Erwartungen und Formen der Unterstützung für die Gestaltung dieser transnationalen Beziehungen spielen. Zudem erläuterte sie, welche Methoden die Forschenden im Projekt angewandt haben.

Leben in zwei Welten
Ihssane Ottmani, Senior Researcher an der HES-SO, stellte den Teil des Projekts vor, der die transnationale Fürsorge syrischer Flüchtlinge in der Schweiz untersucht. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, die unterschiedliche Aufenthaltsbewilligungen mit sich bringen, beeinflussen direkt, wie und in welchem Ausmass sie sich um ihre Eltern kümmern können. Die durchgeführten Interviews zeigten zudem, dass viele Geflüchtete mit anhaltender Unsicherheit leben. Die Sorge um ihre Eltern und der regelmässige Kontakt zu ihnen können dabei helfen, mit dieser Unsicherheit umzugehen. Anhand von Interviewzitaten zeigt Ottmani zudem, wie eng die Lebenssituationen in der Schweiz und in Syrien miteinander verbunden bleiben. Die schwierigen Bedingungen, unter denen viele Eltern in Syrien leben, beeinflussen das Wohlbefinden und den Alltag ihrer erwachsenen Kinder in der Schweiz. Die Befragten leben gewissermassen in zwei Welten gleichzeitig – eine Erfahrung, die von ihrem Umfeld oft nur schwer nachvollzogen werden kann.

Organisation der Fürsorge aus der Distanz
Anschliessend präsentierte Carolina Ramirez von der Universidad de Chile Erkenntnisse aus dem Teil der Studie, der venezolanische Flüchtlinge und deren transnationale Fürsorge in Chile untersuchte. Sie skizzierte zunächst den Kontext: Venezuela ist seit Jahren von einer multidimensionalen Krise geprägt, die unter anderem durch Hyperinflation, Armut, wiederkehrende Stromausfälle und die Alterung der Bevölkerung gekennzeichnet ist. Mehr als 40 Prozent der Migrantinnen und Migranten in Chile stammen heute aus Venezuela.

Die Forschung zeigt, dass Fürsorge in transnationalen Familien meist gemeinschaftlich organisiert wird. Geschwister, die über verschiedene Länder Süd- und Mittelamerikas verteilt leben, teilen sich die Verantwortung für ihre älteren Eltern. Oft übernehmen Töchter eine koordinierende Rolle, während andere Familienmitglieder finanzielle Unterstützung leisten, den regelmässigen Kontakt aufrechterhalten oder die Versorgung organisieren. Eine wichtige Rolle spielen zudem Nachbarn und andere Personen vor Ort, wo die Eltern leben. Sie werden zu den «Augen und Ohren» der weit entfernt lebenden Kinder und übernehmen Aufgaben, die aus der Distanz nicht möglich sind.

Digitale Technologien helfen dabei, räumliche Distanzen zu überbrücken. Smartphones und Videoanrufe ermöglichen eine Art virtuelle Co-Präsenz und erlauben es den Kindern, den Gesundheitszustand ihrer Eltern regelmässig zu beobachten. Gleichzeitig ist dieses Unterstützungssystem fragil: Stromausfälle und digitale Hürden im Alter können den Kontakt jederzeit erschweren.

Spannender Austausch
In der anschliessenden Diskussion wurde deutlich, dass transnationale Fürsorge weit mehr umfasst als finanzielle Unterstützung. Wenn direkte Hilfe nicht möglich ist, werden andere Formen der Fürsorge wichtig – etwa regelmässiger Kontakt, emotionale Unterstützung oder symbolische Gesten wie Geschenke. Finanzielle Unsicherheit, rechtliche Einschränkungen oder grosse Distanzen erschweren die Sorgearbeit erheblich.

Besonders belastend sind Krisensituationen wie schwere Erkrankungen oder Todesfälle von Eltern. Nicht alle Migrantinnen und Migranten können in solchen Momenten zurückreisen – sei es aus finanziellen Gründen, aus Sicherheitsgründen im Herkunftsland oder aufgrund rechtlicher Bestimmungen im Zusammenhang mit ihrem Aufenthaltsstatus (eingeschränkte Reisemöglichkeiten). Die Forschenden sehen darin eine wichtige Fragestellung für zukünftige Untersuchungen.

Als zentrales Fazit hielten die Referentinnen fest, dass transnationale Fürsorge eine oft unsichtbare zusätzliche Verantwortung darstellt. Neben Erwerbsarbeit und eigenem Alltag kümmern sich viele Migrantinnen und Migranten gleichzeitig um Angehörige in einem anderen Land. Diese emotionale und organisatorische Belastung, aber auch die Ressourcen in transnationalen Familien und die hohe Resilienz aller Beteiligten werden in Integrationsdebatten häufig übersehen. Ein besseres Verständnis transnationaler Sorgebeziehungen sei daher auch für Fachpersonen der Sozialen Arbeit von grosser Bedeutung.