Sprache

Digitale Souveränität heisst nicht Autarkie

20.08.2026

Digitale Souveränität ist eine technische, rechtliche und strategische Frage für Verwaltungen. Raphael Mettan und Franziska Ryser von Abraxas erklären, weshalb es dabei nicht um vollständige Unabhängigkeit geht – aber um Kontrolle, Handlungsfähigkeit und den bewussten Umgang mit digitalen Abhängigkeiten. Zudem: Was bedeuten die Entwicklungen für angehende IT-Profis und Führungskräfte?

Sitz der Abraxas in St.Gallen
Raphael Mettan, Leiter IT Services und Mitglied der Geschäftsleitung
Franziska Ryser, KI-Consultant

Raphael Mettan, digitale Souveränität wird oft mit Unabhängigkeit gleichgesetzt. 

Das ist ein Missverständnis. Absolute Unabhängigkeit ist kaum erreichbar. Technologien sind immer vernetzt. Wir müssen Abhängigkeiten verstehen und bewusst gestalten. Wichtig ist, Handlungsfähigkeit unter veränderten Bedingungen zu bewahren.

Wo zeigen sich Abhängigkeiten besonders?

IT ist kein Werkzeugkasten, sondern ein Ökosystem. Technologien, Prozesse und Know-how greifen ineinander. Man kann nicht einfach Elemente herauslösen und ersetzen. Deshalb braucht es Transparenz, Kontrolle über eigene Daten und Alternativen für kritische Systeme.

Was heisst das konkret?

Wer etwa alles bei einem Anbieter bündelt, schafft Abhängigkeiten. Wenn sich ein Markt verändert oder ein Anbieter plötzlich eine dominante Position bekommt, muss man reagieren können. Es braucht Exit-Szenarien.

Welche Rolle spielen geopolitische Entwicklungen?

Sie verstärken das Thema. Sobald Daten oder Services ausserhalb des Schweizer Rechtsraums liegen, gibt man Kontrolle ab: Fremde Behörden können unter Umständen Zugriff auf Daten verlangen. Digitale Souveränität ist eine technische, rechtliche und strategische Frage.

Franziska Ryser, mit KI entstehen zusätzliche Abhängigkeiten. 

Ja, denn einerseits kommen die meisten grossen KI-Modelle von einigen wenigen, internationalen Unternehmen. Da entstehen neue Abhängigkeiten. Andererseits wird KI für die Vorbereitung von Entscheidungen genutzt. Solche KI-Systeme müssen nachvollziehbar und überprüfbar sein.

Warum ist das für Verwaltungen besonders sensibel?

Sie haben viele personenbezogene und sensible Daten – wie etwa Steuerdaten. Wenn sie unkontrolliert in externe Systeme gelangen, verliert man die Kontrolle. Deshalb muss man genau überlegen, welches Modell wofür genutzt wird. 

Was versteht Abraxas unter souveräner KI?

Daten, Betrieb und Verarbeitung bleiben unter Kontrolle. KI wird aus der Schweiz heraus betrieben, etwa aus unseren Rechenzentren. So bleiben die Daten in der Schweiz und fliessen über die Modelle nicht in andere Länder ab. 

Was bedeuten diese Entwicklungen für IT-Führungskräfte?

Mettan: Ihre Rolle wird strategischer. Früher waren funktionierende Systeme und Kosten zentral. Heute geht es auch um Resilienz, Compliance, Datenschutz und Nachvollziehbarkeit. Führungskräfte müssen Risiken einschätzen und Entscheidungen im Gesamtkontext beurteilen.

Und was bedeutet das für den Nachwuchs und die Rolle von Fachhochschulen wie die OST?

Ryser: Technische Kompetenzen reichen nicht mehr. IT-Profis brauchen Weitsicht und kritisches Denken. Sie müssen kurzfristige Effizienzgewinne gegen langfristige Abhängigkeiten abwägen. 

Mettan: Zudem gestalten sie Veränderungen. Es geht nicht nur darum, wie Technologie funktioniert, sondern auch um die Auswirkungen. Wir brauchen also verantwortungsvolle Fachkräfte. Die OST bildet die nächste Generation aus. Deshalb engagieren wir uns am WTT Young Leader Award.