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EANS Summer Conference 2026: Pflegewissenschaft in einer Welt der Krisen

14.07.2026

Internationale Konflikte, Klimawandel und gesellschaftliche Veränderungen stellen hohe Anforderungen an die Pflege und das Gesundheitswesen. Wie antworten die Health Sciences auf diese Herausforderungen? Dies diskutierten am 8. und 9. Juli 2026 internationale Expert*innen und Doktorand*innen an der «Summer Conference» der European Academy of Nursing Sciences (EANS). Gastgeberin war das Institut für Gesundheitswissenschaften (IGW).

 

Eine Premiere für die OST: Erstmals war sie Austragungsort der EANS-«Summer School» und «Summer Conference». Über 280 Teilnehmende konnten Prof. Dr. Heidrun Gattinger (Leiterin IGW) und Prof. Dr. Tove Aminda Hanssen (Vorsitzende des Wissenschaftlichen Ausschusses der EANS) an der Konferenz begrüssen. Drei Keynotes, 48 «Oral Presentations», 68 Posterpräsentationen und drei Workshops führten zu einem intensiven Austausch: Wie gestalten Wissenschaftler*innen der Health Sciences die Politik und Praxis im Gesundheitswesen? Welche Lösungen und Innovationen bringen sie in krisenhaften Zeiten für die Bevölkerung ein?

 

EANS: Pflege- und Gesundheitswissenschaft in Europa stärken

Durch Inspiration, Zusammenarbeit und akademisches Leadership möchte die EANS engagierte Pflege- und Gesundheitswissenschaftler*innen in europäischen Ländern fördern. Hierzu lädt sie jedes Jahr zu einer «Summer Conference» ein.  In diesem Rahmen erhalten EANS-Mitglieder sowie interessierte Forscher*innen und Praktiker*innen Einblicke in neueste Forschungsprojekte1. Sie tauschen sich zu aktuellen und zukunftswichtigen Themen aus. Zeitgleich findet eine «Summer School» für PhD-Studierende statt2. Beide Formate «stärken den Beitrag der Wissenschaft zur Patientenversorgung in Europa», wie Prof. Dr. Ingalill Rahm Hallberg (Lund University) und Prof. Dr. David Richards (Western Norway University of Applied Science) in ihrer Keynote betonten. Exzellente Pflege- und Gesundheitswissenschaft stellt die richtigen Fragen – und wählt passende Methoden, um sie zu beantworten. Dies ist nicht selbstverständlich, wie die Referierenden zeigten: «85% der Forschungs-aktivitäten im Gesundheitswesen sind unbrauchbar (‘waste’)». Um maximal brauchbare Resultate zu fördern, basiert die EANS-Summer School auf dem «Complex Intervention Research Methods Framework»3. Dies soll zu einem hohen gesellschaftlichen Impact der Forschung beitragen. Ebenso wichtig sind Theorien der «Implementation Science». Sie stellen sicher, dass Innovationen zeitnah in die Praxis gelangen. Die Bevölkerung soll einen spürbaren Nutzen haben. 


1 Die Teilnehmenden der diesjährigen Summer Conference setzten sich aus einem Drittel EANS-Mitgliedern und zwei Drittel Nicht-EANS-Mitgliedern zusammen. 

2 An der diesjährigen «Summer School» nahmen 104 Doktorand*innen teil.

3 Guideline des UK Medical Research Counsil (Skivington et al., 2021).

 

Resiliente Gesundheitssysteme gestalten

Margrieta Langins, politische Beraterin des WHO-Regionalbüros für Europa, stellte den Teilnehmenden zentrale Aspekte des aktuellen «European Health Reports» vor. Sie erläuterte unter anderem folgende Herausforderungen:

  • Der Anteil älterer Menschen an der europäischen Bevölkerung steigt. Dadurch erhöht sich der Pflegebedarf.
  • Europaweit erhalten fast 50% der älteren Menschen mit ausgeprägten Schwierigkeiten bei der Selbstversorgung nicht die nötige Unterstützung.
  • Klimabezogene Herausforderungen sind zu erwarten: Von 23 Hitzewellen, die es in Europa seit 1950 gab, ereigneten sich 19 in den Jahren nach 2000. Fünfzig europäische Länder waren in den letzten Jahren von Überschwemmungen betroffen.
  • Die Zahl der jährlichen Notfälle («annual acute emergencies») hat sich im Zeitraum von 2013 bis 2023 europaweit verdoppelt.
  • Psychische Belastungen stellen ein wichtiges Handlungsfeld dar – bei Patient*innen und Fachpersonen.
  • Die Wahrscheinlichkeit einer durch Zoonosen ausgelösten Pandemie wird sich in den kommenden Jahrzehnten verdreifachen.

Den wachsenden Herausforderungen steht die sinkende Zahl der Pflegfachpersonen entgegen: Mehr als 35% der Pflegenden in Europa sind über 55 Jahre. Zudem kommen 72% der im Auslandausgebildeten Pflegenden aus nicht-europäischen Ländern. Auf diese Gesamtsituation reagiert die WHO mit dem «Health and Care Workforce Framework 2023-2030». 

Margrieta Langins stellte einige Handlungsfelder vor:

  • Investieren in den Gesundheits- und Pflegebereich
  • Aus- und Weiterbildung modernisieren – digitale Kompetenzen aufbauen
  • Arbeitsbedingungen für Pflegende verbessern
  • Attraktivität für junge Studierende erhöhen
  • Rekrutierung in ländlichen und unterversorgten Bereichen verstärken
  • Performance optimieren: Teams und Skillmix neu definieren, Interaktionen mit Patient*innen verbessern, Dienstleistungen effizienter machen
  • Bedürfnisse vorhersagen und vorausplanen. 

Diese breit angelegten Massnahmen sollen dazu beitragen, europäische Gesundheitssysteme resilient zu machen. Pflege- und Gesundheitswissenschaftler*innen können hierzu einen zentralen Beitrag leisten – indem sie auf verschiedenen Ebenen resilienzfördernde Veränderungen ermöglichen. 

 

Evidenz nutzen, um politisch Einfluss zu nehmen

«Wissenschaftliche Erkenntnisse in Politik und Praxis umsetzen – das ist nicht einfach», so Prof. Dr. Jonathan Drennan (University College, Dublin). Seine Botschaft lautete: Direkter Kontakt mit politischen Entscheidungs-trägern ist für Wissenschaftler*innen wichtig. Dazu gehört, komplexe Daten in konkrete Handlungsmöglichkeiten zu «übersetzen». Dies ist die Basis, um durch «Lobbying» evidenzbasierte politische Entscheidungen vorzubereiten, beispielsweise in Bezug auf «Nurse Staffing» in Spitälern. Überzeugungsarbeit spielt eine wichtige Rolle, um die Lücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz und praktischer Umsetzung zu schliessen. Um die «Kunst» der Argumentation ging es auch am Schluss der Konferenz. PhD-Studierende des zweiten Semesters waren eingeladen, in einer Debatte Stellung zu beziehen: Soll künstliche Intelligenz eine Schlüsselrolle übernehmen, um in Spitälern Herausforderungen im Personalbereich zu adressieren? «Kompetent zu debattieren, ist wichtig, um eine Advocacy-Rolle zu übernehmen – für Patientinnen und Patienten, für die Profession und für sich selbst als Fachperson», betonte Prof. Dr. Catherine McCabe (Trinity College, Dublin) als Leiterin der Debatte. Für die Studierenden war es eine Chance, um Skills aufzubauen: Wie formuliere ich meine Argumente verständlich und überzeugend? Wie interagiere ich mit Vorredner*innen und mit dem Publikum? Wie fundiere ich meine Argumente durch Evidenz? Am Ende der Debatte erhielten die Studierenden konstruktives Feedback durch EANS-Expert*innen. So konnten auch sie viele wertvolle Anregungen, Erkenntnisse und Inspirationen aus St.Gallen mitnehmen. 

Nächstes Jahr treffen sich die EANS-Mitglieder in Maastricht – unter dem Motto «Crossing Borders in Nursing Science».