Wer in der Pflege arbeitet, erlebt eine grössere berufliche Erfüllung als Menschen in anderen Branchen. Auf einer Skala von 1 bis 5 erreicht der Pflegeberuf den Spitzenplatz mit einem Gesamtwert von 3,9 Punkten. Der Durchschnitt liegt bei 3. Dies ergab eine Studie mit 4.300 Erwerbstätigen aus vier Berufsfeldern: «Mensch und Gesellschaft», «Wirtschaft und Business», «Handwerk, Produktion und Technik» sowie «Verwaltung, Medien und Wissen»1.
Mehrere Faktoren begründen die Spitzenposition der Pflege. Die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit ist für Pflegende immer spürbar: 79% der Befragten im Pflegebereich sind überzeugt, etwas Positives für die Gesellschaft zu bewirken. In der Dimension «Bedeutsamkeit und Impact» erreicht die Pflege ebenfalls den höchsten Wert. Pflegende sind sich bewusst: Die Qualität der eigenen Arbeit hat weitreichende Konsequenzen für andere Personen. Auch bei der erlebten Wertschätzung schneidet die Pflege sehr gut ab. Sie steht an zweiter Stelle. Die Studie kommt zu dem Schluss: Berufliche Erfüllung hängt stark davon ab, ob die eigene Arbeit einen direkten positiven Einfluss auf andere Menschen hat. Genau hier liegt die besondere Stärke der Pflege.
Viel Stolz auf die eigene Arbeit
Auch der Berufsstolz ist in der Pflege überdurchschnittlich hoch: 58% der Befragten im Pflegebereich empfinden «viel Stolz» oder «sehr viel Stolz» auf ihre Arbeit. Damit belegt die Pflege den zweiten Platz. Teamspirit und Zugehörigkeitsgefühl sind im Pflegeberuf ebenfalls stark ausgeprägt – und tragen zur beruflichen Erfüllung bei. Positiv bewerten Pflegende auch die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten. Sie lernen permanent dazu. Dabei haben sie das Gefühl, sich persönlich weiterzuentwickeln. Zudem nehmen Pflegende eine hohe persönliche Verantwortung bei ihrer Arbeit wahr. Spitzenwerte erreicht die Pflege auch in Bezug auf Jobsicherheit. Die Sorge vor KI-bedingtem Stellenabbau ist offensichtlich geringer als in anderen Berufen.
Lohn und Work-Life Balance: Das Problemfeld der Pflege
Die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf hat für alle Befragten die höchste Priorität bei einer Arbeitsstelle (47%). Der Lohn folgt erst an vierter Position (36%). Hier liegt das Problemfeld der Pflege. Sie steht an letzter Stelle bei Work-Life-Balance und Lohn. Der Kontrast könnte nicht grösser sein: Der Beruf mit der höchsten Erfüllung weist die schwierigsten Rahmenbedingungen auf. Die Studienergebnisse machen den Handlungsbedarf deutlich: Besserer Arbeitsbedingungen sind essenziell, um das Potenzial des Pflegeberufs zu entfalten. Nach Annahme der Pflegeinitiative standen die Zeichen gut: Verbesserte Arbeitsbedingungen waren eine Grundforderung der Initiative. Wider Erwarten sind politische Weichenstellungen hierzu ausgeblieben. Umso wichtiger sind nun die Massnahmen der Ausbildungsoffensive: Wie kann es gelingen, möglichst viele Personen für eine Pflegeausbildung zu gewinnen?
Als Mensch etwas für Menschen bewirken
Die Kampagne «Mach Karriere als Mensch» stand im Hintergrund der Studie «Erfüllung bei der Arbeit». Träger der Kampagne sind die Branchenorganisationen Artiset, Spitex Schweiz und OdASanté. Ihr Ziel ist, Interesse für «die sinnvolle und bereichernde Arbeit in der Langzeitpflege» zu wecken.
«Für alle, die den Menschen wirklich sehen» lautet die Headline der neuen Kampagne des Departements Gesundheit für den Studiengang Pflege. Auch hier steht der Mensch im Fokus der Botschaft. Die kreative Bildsprache setzt neue Akzente – jenseits von Klischees und Konventionen. Der gewohnte Anblick wird aufgefrischt: Gesicht und Körper sind mit leuchtenden Farbmustern bedeckt: Eine Art «Bodypainting» in den Signalfarben rot, gelb, grün und blau – erinnernd an eine Heatmap des Körpers. Dies erweckt sofort Aufmerksamkeit. Ein neuer, frischer Blick auf Menschen wird möglich – auf farbenreiche, facettenreiche Persönlichkeiten. Menschen auf neue Weise sehen und verstehen – auch darauf kann ein Pflegestudium vorbereiten.
1Die Befragung erfolgte über das Online-Opt-in-Panel des Meinungsforschungsinstituts Sotomo und über den Newsletter von OdASanté, Spitex Schweiz und ARTISET. Bei Opt-in-Panels stellt sich die Frage, ob die Teilnehmenden die Gesamtheit (erwerbstätige Bevölkerung) tatsächlich repräsentativ abbilden.
Es fällt auf, dass die Gesundheit der Arbeitnehmenden nicht in das Konzept «Erfüllung bei der Arbeit» einbezogen war. Vgl. hierzu Daten für die Pflege bei Peter, K., Hahn, S., Schols, J. & Halfens, R. (2020). Work-related stress among health professionals in Swiss acute care and rehabilitation hospitals-A cross-sectional study. Journal of Clinical Nursing, 29 (15-16), 3064-3081.
