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Forschungsprojekt

Kultursensible Diagnostik komplexer Traumafolgen bei geflüchteten Menschen

Geflüchtete Menschen sind häufig mehrfachen und langanhaltenden traumatischen Erfahrungen ausgesetzt und haben ein erhöhtes Risiko für komplexe posttraumatische Belastungsstörungen. Gleichzeitig prägen kulturelle Normen, soziale Lebensbedingungen und postmigratorische Belastungen, wie Betroffene ihre Symptome erleben und ausdrücken. Dieses Forschungsprojekt untersucht, ob ein eigens entwickeltes sozio-kulturelles und strukturelles Zusatzmodul zum International Trauma Interview (ITI) zu einer präziseren und kultursensibleren Diagnostik beiträgt – und damit ein besseres Verständnis der Betroffenen sowie eine adäquatere therapeutische Behandlung ermöglicht.

Hintergrund
Mit der ICD-11 wurde die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS) als eigenständige Diagnose eingeführt. Sie umfasst neben klassischen posttraumatischen Symptomen auch Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen, ein negatives Selbstbild und Probleme in Beziehungen. Bei geflüchteten Menschen können solche Symptome durch aktuelle Belastungen im Aufnahmeland, etwa unsicheren Aufenthaltsstatus, Trennung von Angehörigen, Diskriminierung oder fehlende soziale Teilhabe, zusätzlich verstärkt werden.

Bestehende diagnostische Verfahren wurden überwiegend im westlichen Kontext entwickelt und berücksichtigen diese sozio-kulturellen und strukturellen Bedingungen bislang nur begrenzt. Deshalb wurde ein sozio-kulturelles und strukturelles Addendum (SCSA) zum etablierten International Trauma Interview entwickelt. Es ergänzt die Diagnostik um Fragen zu kultureller Identität, postmigratorischen Belastungen und kulturell bedeutsamen Ausdrucksformen von Traumafolgen, etwa Scham, Schuld oder Misstrauen.

Methode
Die Validierung des SCSA erfolgt in einem experimentellen, multizentrischen Studiendesign. Auf der Grundlage aufgezeichneter diagnostischer Interviews wird untersucht, ob und wie das SCSA diagnostische Einschätzungen verändert und ob es die Übereinstimmung zwischen verschiedenen Beurteilenden verbessert.

Ergänzend beurteilen internationale Fachpersonen in einer Delphi-Studie Fallvignetten und diagnostische Entscheidungen. Dadurch soll das SCSA kulturübergreifend weiterentwickelt und verfeinert werden.

Die Zielgruppe umfasst geflüchtete und asylsuchende Menschen aus der MENA-Region und Subsahara-Afrika. Die Erhebung findet an mehreren spezialisierten Standorten in der Schweiz sowie in Hamburg statt. Das validierte SCSA wird der Forschung und klinischen Praxis öffentlich zugänglich gemacht und soll dazu beitragen, das Erleben der Betroffenen kultursensibler zu verstehen und ihnen dadurch eine passendere, transkulturelle therapeutische Unterstützung zu ermöglichen.

Laufzeit: 01.01.2026 - 31.12.2029

Projektfinanzierung:

SNF – Schweizerischer Nationalfonds

Kooperation:

OST – Ostschweizer Fachhochschule

UNIL – Universität Lausanne

Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes, Bern

Psy4Asyl, Aarau

Appartenances – Consultation psychothérapeutique pour migrant·es (CPM), Lausanne

Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel – Transkulturelle Ambulanz

Psychiatrie Baselland – Transkulturelle Sprechstunde

Integrierte Psychiatrie Winterthur – Ambulatorium für Traumafolgestörungen

centra – Koordinierendes Zentrum für traumatisierte Geflüchtete, Hamburg (DE)

UZH – Universität Zürich