Forschungsprojekt
Das Wohnen von Babyboomern in der Schweiz: Mythen auf dem Prüfstand
Die Babyboomer:innen – eine schillernde Generation: hochgebildet, aktiv, mobil, selbstbestimmt und offen für Neues, nicht zuletzt für neue Wohnformen, zum Beispiel gemeinschaftliche und generationenübergreifende. Diese Beschreibung prägt sowohl den öffentlichen als auch den wissenschaftlichen Diskurs. Und sie ist nicht falsch, aber unvollständig, denn sie beinhaltet eine Schieflage: Der hochgebildete, aufgeschlossene, gesunde Teil dieser Generation erhält viel Aufmerksamkeit, während andere aus dem Blick geraten.
Genau hier setzte das Forschungsprojekt des Instituts für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule in Kooperation mit der Professur Stadt und Gesundheit (Christian Reutlinger) der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW an: Es galt, das Wohnen der jüngeren Babyboomer:innen – der so genannten ‹Wohlstands-Babyboomer:innen›, geboren zwischen 1957 und 1966 – differenziert darzustellen. Im Fokus standen ihre sozioökonomische Lage, ihre Wohnsituation sowie ihre Präferenzen, Möglichkeiten und Grenzen in der Gestaltung des eigenen Wohnens. Dabei lag die Aufmerksamkeit auch auf unbekannten wohnbezogenen Innovationen – ‹versteckten Schätzen› –, mit denen die Babyboomer:innen kreativ auf gesellschaftliche und individuelle, sich verändernde Umstände reagieren. Beispielsweise initiieren sie neue Wohnprojekte mit, nutzen ihre Häuser um oder nehmen Mitbewohner:innen auf.
Methodisch stützt sich das Projekt auf 23 wohnbiografisch orientierte qualitative Interviews mit 25 Babyboomer:innen in der Deutschschweiz, auf die Erarbeitung eines statistischen Porträts dieser Generation sowie auf die Aufarbeitung bestehenden Wissens aus wissenschaftlichen Studien und Daten. Ein Sounding Board aus Expert:innen unterschiedlicher Fachbereiche hat inhaltlich beraten und begleitet.
Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse Folgendes:
Heterogene Babyboomer:innen: Die jüngere Generation der Babyboomer:innen wird oft als homogene Gruppe hochgebildeter ‹Golden Agers› wahrgenommen. Dieses Bild verdeckt jedoch die tatsächliche Vielfalt in Bezug auf Wohnrealitäten, Ressourcen und Bedürfnisse.
Beständigkeit und Wandel: Die Mehrheit wohnt seit Jahrzehnten am selben Ort. Veränderungen erfolgen meist ungeplant durch biografische Anlässe, wie Trennung, Krankheit oder der Auszug der Kinder. Dabei zeigen sich Frauen offener für neue Wohnformen.
Soziale Einbindung: Die Familie bleibt auch in der gegenwärtigen Lebensphase zentral, muss aber neu gestaltet werden. Viele fragen sich, wie Nähe in der zweiten Lebenshälfte anders organisiert werden kann. Es entstehen mitunter neue Wohnarrangements: Untervermietung, Wohngemeinschaften oder Living Apart Together. Das Interesse an gemeinschaftlichem Wohnen ist vorhanden, doch die Umsetzung erfolgt selten.
Selbstbestimmung: Ein zentrales Bedürfnis ist Selbstbestimmung im Wohnen, dessen Realisierung jedoch stark vom verfügbaren Kapital abhängt. Wohneigentum wird ambivalent erlebt – als Freiheit und Last zugleich.
Selbstausdruck: Die eigene Identität drückt sich im Wohnen aus, beispielsweise durch Werte wie Gemeinschaft oder Nachhaltigkeit. Oft fliesst auch die berufliche Identität ein.
Sicherheit, Schutz, Geborgenheit: Wohnsicherheit steht im Mittelpunkt. Die Angst vor Wohnungsverlust wiegt schwerer als der Wunsch nach Veränderung. Entscheidungen werden von finanzieller Absicherung geprägt, auch durch Generationensolidarität.
Zukunftsperspektive: Die Auseinandersetzung mit dem Wohnen im Alter ist ambivalent. Während einige aktiv planen, sehen andere keine Dringlichkeit. Soziale Unterschiede treten deutlich hervor. Das Bewusstsein für den Wohnflächenverbrauch wächst, entsprechende Anpassungen bleiben jedoch herausfordernd.
Implikationen für Planung und Politik: Planung und Politik müssen die Vielfalt der Babyboomer:innen ernst nehmen und stereotype Zuschreibungen vermeiden. Gefragt sind flexible Konzepte, die soziale Einbindung fördern und gleichzeitig Selbstbestimmung wahren. Zentral sind Wohnsicherheit, Hindernisfreiheit und gute Infrastruktur – besonders für vulnerable Gruppen.
Link zur Projektseite der Age-Stiftung: Wie wohnen und leben Babyboomerinnen und Babyboomer? Mythen auf dem Prüfstand. | Age-Stiftung Auf dieser Webseite sind auch die Transferprodukte Abschlusspublikation, Postkarten (A5 und A6) sowie digitale Bewegtbilder (GIFs) zum Download verfügbar.
Link zum Beitrag im OST-Magazin: So wohnen Babyboomer
Link zum Beitrag auf dem IFSAR-Blog: https://www.ifsa.ch/projektabschluss-wohnrealitaeten-von-babyboomerinnen-in-der-schweiz-mythen-auf-dem-pruefstand/
Laufzeit: 01.03.2023 - 30.06.2026
Projektfinanzierung:
Age-Stiftung, Zürich
Kooperation:
Prof. Dr. Christian Reutlinger (Co-Projektleiter), ISOS Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung sowie ISAGE Institut Soziale Arbeit und Gesundheit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW (Prof. Dr. phil. habil. Christian Reutlinger | FHNW)
Prof. Jenny Baese (Fotografie, Gestaltung), Professur Kommunikationsdesign, HTWD Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (Prof. Jenny Baese: HTW Dresden)

