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Frontansicht des Forschungszentrums OST Rapperswil

News aus der School of Management

Was der Fall Frieda Keller über Gerechtigkeit lehrt

19.10.2026

War ein Todesurteil gerecht, nur weil es dem Gesetz entsprach? Dieser Frage geht Nina Brunner in ihrer Bachelorarbeit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule nach. Am historischen Fall Frieda Keller zeigt sie, wie sich das Schweizer Strafrecht verändert hat und weshalb persönliche Lebensumstände heute stärker berücksichtigt werden.

Filmszene aus «Friedas Fall», der Verfilmung des historischen Strafprozesses gegen Frieda Keller.
Der historische Fall Frieda Keller wurde unter dem Titel «Friedas Fall» verfilmt. Eine Bachelorarbeit der OST untersucht das damalige Todesurteil aus heutiger rechtlicher Perspektive. (Bild: Arsenal Filmverleih)

Ein Todesurteil trotz schwieriger Lebensumstände

1904 wurde Frieda Keller in St.Gallen zum Tode verurteilt, weil sie ihren fünfjährigen Sohn getötet hatte. Zuvor war sie von ihrem verheirateten Dienstherrn vergewaltigt worden. Ohne Anspruch auf verlässlichen Unterhalt musste sie als Schneiderin allein für ihr Kind aufkommen. Gesellschaftliche Ausgrenzung und der Tod ihrer Mutter verschärften ihre Notlage. Obwohl das Gericht diese Umstände anerkannte, schrieb das damalige Strafgesetz für Mord zwingend die Todesstrafe vor. Für ihre Bachelorarbeit untersuchte Nina Brunner historische Gerichtsakten aus dem Staatsarchiv St.Gallen und verglich das damalige Recht mit dem heutigen Schweizer Strafgesetzbuch.

Heute zählt mehr als die Tat allein

Nach heutigem Recht wäre eine Verurteilung wegen Mordes laut Brunners Analyse schwer zu begründen. Näher läge eine Beurteilung als Totschlag, da das Strafrecht heute auch schwere seelische Belastungen berücksichtigt. Zudem können persönliche Verhältnisse, Beweggründe und Reue die Strafzumessung beeinflussen. «Das heutige Recht ermöglicht eine deutlich individuellere Beurteilung. Es fragt nicht nur, was ein Mensch getan hat, sondern berücksichtigt stärker, unter welchen persönlichen und gesellschaftlichen Bedingungen die Tat entstanden ist.» sagt Roman Schister, Leiter des Kompetenzzentrums Business Law an der OST und Referent der Bachelorarbeit.

Warum Gerechtigkeit immer neu verhandelt wird

Bereits 1904 löste das Todesurteil öffentliche Empörung und eine breite Solidaritätsbewegung aus. Nina Brunner zieht folgende Erkenntnis aus ihrer Arbeit: «Recht und Gerechtigkeit sind nicht automatisch dasselbe. Jede Generation muss deshalb prüfen, ob ihre Gesetze den gesellschaftlichen Realitäten und dem Anspruch auf individuelle Gerechtigkeit noch gerecht werden.»