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Strategische Führung

24.06.2026

In dynamischen Umfeldern – geprägt von technologischen Sprüngen, geopolitischen Spannungen, regulatorischen Verschiebungen und gesellschaftlichen Erwartungen – reicht es nicht, Strategie als periodischen Planungsakt zu verstehen. Moderne Organisationen benötigen einerseits eine klare strategische Ausrichtung («Strategien definieren») und andererseits die Fähigkeit, unerwartete oder mehrdeutige Entwicklungen in tragfähige Entscheidungen zu übersetzen («strategische Herausforderungen bewältigen»). Während die erste Aufgabe vor allem auf Ziel- und Positionierungsentscheidungen abzielt, fokussiert die zweite auf das Bewältigen von Diskontinuitäten, Risiken und Abhängigkeiten, die die strategische Logik selbst herausfordern.

Unterschiede zwischen «Strategien definieren» und «strategische Herausforderungen bewältigen»

Die beiden Aufgabenstellungen unterscheiden sich:

  • Zweck und Zeithorizont: Strategien definieren richtet den Blick auf einen mittel- bis langfristigen Horizont (z.B. 3 – 5 Jahre) und beantwortet die Frage, wie das Unternehmen künftig Wert schaffen will. Strategische Herausforderungen zu bewältigen hingegen ist oft durch kürzere Entscheidungsfenster geprägt. Dennoch sind die Entscheidungen strategisch, weil sie beispielsweise Pfadabhängigkeiten, Reputations- und Investitionsfolgen erzeugen.
  • Grad der Strukturierbarkeit: Die klassische Strategieformulierung ist gut zu strukturieren: Analysen, Optionen, Business Cases, Portfolio- und Priorisierungslogik lassen sich systematisch darstellen und planen. Strategische Herausforderungen sind häufig komplexe Probleme: unklare Ursachen, widersprüchliche Ziele und Anforderungen von Stakeholdern und fehlende Daten erzwingen ein anderes, meist iteratives Vorgehen, das Lernen und Anpassen ermöglicht.
  • Entscheidungslogik: Bei der Festlegung einer Strategie dominieren bewusst getroffene Entscheidungen, die häufig mithilfe von strukturierten Instrumenten und Methoden gefällt werden. Beim Bewältigen von strategischen Herausforderungen treten stärker neuartige, anspruchsvolle Situationen – oft Problemstellungen – auf: Die Entscheidungsmuster in Unternehmen entstehen aus dem Experimentieren, Krisenreaktionen oder spontan getroffenen Entscheidungen, die sich im Nachhinein als strategisch erweisen.
  • Ressourcen und Governance: Die Strategieformulierung setzt primär auf Planungs- und Steuerungsmechanismen (Budget, CapEx/OpEx, Zielsysteme). Das Bewältigen strategischer Herausforderungen benötigt oft zusätzlich einen «Krisen‑/Risiko-Modus», schnelle Eskalationswege, klare Verantwortlichkeiten und Fähigkeiten zur schnellen Neugewichtung von Aktivitäten.
  • Erfolgskriterien: Erfolg bei der Strategieformulierung zeigt sich in Konsistenz, Verständlichkeit und operativer Anschlussfähigkeit. Erfolg bei der Problembewältigung zeigt sich in der Resilienz, Anpassungsfähigkeit, Geschwindigkeit bei gleichzeitiger Wahrung der strategischen Ausrichtung sowie in der Fähigkeit, aus dem Ereignis nachhaltig zu lernen.

Eine wichtige Anmerkung ist, dass strategische Herausforderungen nicht mit operativen Problemen gleichzusetzen sind. Sie werden strategisch, wenn sie die Grundannahmen der Strategie berühren oder bedrohen und dadurch grundlegende Entscheidungen über Prioritäten, Fähigkeiten und Ressourcen erfordern.

Aktuelles Beispiel: EU AI Act als strategische Herausforderung

Ein aktuelles Beispiel für strategische Herausforderungen ist die Umsetzung des EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689). Die Regelung ist seit August 2024 in Kraft und wird phasenweise wirksam. Zentrale Pflichten wie Verbot von bestimmten Anwendungen und Anforderungen an AI‑Kompetenz (AI Literacy) gelten bereits. Weitere Pflichten folgen mit Schwerpunkt auf Governance, KI mit allgemeinem Verwendungszweck und Hochrisiko‑Systemen in den kommenden Jahren. Unternehmen, die KI entwickeln, einkaufen oder einsetzen – auch ausserhalb der EU, aber mit EU‑Bezug – sehen sich damit nicht nur mit Compliance‑Aufgaben konfrontiert, sondern mit strategischen Weichenstellungen: Welche KI‑Anwendungsfälle sind zukünftig tragfähig? Welche Daten‑ und Modell‑Souveränität ist notwendig? Welche Investitionen in Governance(Führungs)‑Strukturen, Qualitätssicherungsmechanismen und Dokumentationspflichten sind erforderlich, um nachhaltige Innovationsfähigkeit zu gewährleisten?

Die weiter oben aufgezeigten Unterschiede zwischen Strategie «definieren» und «strategische Herausforderungen bewältigen» lassen sich wie folgt aufzeigen:

  • Strategie definieren: Ein Unternehmen kann strategisch beschliessen, KI als Differenzierungshebel zu nutzen (z.B. personalisierte Services, effizientere Prozesse), Partner‑Ökosysteme aufzubauen oder eigene Modelle zu entwickeln. Das ist eine bewusste Investitionsentscheidung.
  • Herausforderung bewältigen: Die konkrete Umsetzung des AI Act ist eine strategische Herausforderung, weil sie viele Unsicherheiten bündelt: Klassifikation von Use‑Cases, Aufbau von AI‑Governance, Nachweisführung, Risikobeurteilung, Lieferanten‑ und Modellrisiken sowie Anpassung der Organisationsstrukturen. Hier geht es weniger um «welche Vision», sondern um das operative Übersetzen regulatorischer Anforderungen in robuste, skalierbare Führungs‑ und Prozessfähigkeiten – und dies bei laufendem operativem Betrieb und bestehender strategischer Stossrichtungen.
  • Lernen (Emergenz): In der Praxis bilden sich häufig Strategiemuster erst durch konkrete Entscheidungen heraus: Pilotvorhaben werden beendet, andere gezielt forciert. Neue Rollen werden geschaffen (z.B. AI Product Owner, Model Risk Officer). Entscheidungsrechte und Verantwortlichkeiten werden neu zugeschnitten. Dadurch kann sich die tatsächlich umgesetzte («realisierte») Strategie von der ursprünglich geplanten unterscheiden – ohne dass dies zwangsläufig ein Fehler ist.

Es kann folgende Schlussfolgerung gezogen werden: Strategieformulierung beantwortet «Wohin?» und «Womit?», strategische Problembewältigung beantwortet «Wie halten wir den Kurs unter neuen Bedingungen, ohne Wertschöpfung und Legitimität zu verlieren?». Gerade bei KI lässt sich dieses «Wie» nicht in einem einmaligen Projekt erledigen. Es erfordert eine dauerhafte Fähigkeit zur Risiko‑ und Qualitätssteuerung über den gesamten Lebenszyklus von Systemen hinweg, wie sie auch in Rahmenwerken wie dem NIST AI Risk Management Framework beschrieben wird (freiwilliger Leitfaden, der Organisationen dabei unterstützt, die mit KI verbundenen Risiken besser zu verstehen, zu bewerten und zu steuern).

Autor

Prof. Andreas Löhrer ist Professor am Institut für Finance und Law.

Gemeinsamkeiten beider Aufgabenstellungen

Trotz der Unterschiede teilen beide Aufgaben zentrale Merkmale:

  • Beide sind wert‑ und zielorientiert: Es geht um nachhaltige Wertschöpfung und die Balance von Chancen und Risiken.
  • Beide verlangen Allokationsentscheidungen: Ressourcen (Geld, Zeit, Talente, Aufmerksamkeit) sind knapp und müssen priorisiert werden.
  • Beide sind stark stakeholder-abhängig: Kundenerwartungen, Mitarbeitende, Regulierung, Eigentümer und Öffentlichkeit beeinflussen Optionen und Legitimität.
  • Beide benötigen Daten UND Urteilskraft: Analytik, Szenarien und Kennzahlen sind notwendig, ersetzen aber nicht das Management von Unsicherheit.
  • Beide erfordern Kommunikation und Übersetzung: Strategische Intentionen müssen in verständliche Handlungslogiken, Ziele und Entscheidungen überführt werden.

Koexistenz in der strategischen Führung

Strategische Führung zielt darauf, die langfristige Existenz‑ und Wettbewerbsfähigkeit einer Organisation zu sichern. Dazu gehören Richtungsentscheidungen und die Fähigkeit, diese Richtung unter veränderten Rahmenbedingungen durchzusetzen oder anzupassen. Beide Aufgaben sind untrennbar:

  • Strategie ohne Problembewältigung bleibt Fiktion: Eine definierte Strategie hat nur dann Wirkung, wenn sie in Entscheidungssituationen unter Unsicherheit getragen wird. Externe Schocks (z.B. Regulierung, Technologiebrüche) können die beste Strategie obsolet machen. Strategische Führung umfasst daher das laufende «Sensemaking» und die Anpassung der strategischen Logik.
  • Problembewältigung ohne Strategie wird reaktiv: Wer nur Herausforderungen managt, riskiert Aktionismus. Man optimiert kurzfristig, verliert aber Positionierung und Prioritäten. Strategie schafft wichtige Leitplanken, anhand derer in Krisen konsistent entschieden wird.
  • Integration von Risiko und Strategie: Moderne Governance fordert, Risiko‑ und Chancensteuerung in Strategie und Entscheidungen zu integrieren. ISO 31000 betont explizit, dass Risikomanagement in Governance, Strategie und Planung eingebettet werden soll. So konkretisiert NIST AI RMF beispielsweise für KI‑Vorhaben, wie Risiko‑Governance (Govern) mit Kontextanalyse (Map), Messung (Measure) und Steuerung (Manage) über den Lebenszyklus verbunden wird.
  • Legitimität und Verantwortung: Strategische Entscheidungen wirken sich u.a. direkt darauf aus, wie fair, transparent und datenschutzkonform ein Unternehmen handelt. Etwa ob Kunden- oder Mitarbeitendendaten geschützt sind, ob Entscheidungen benachteiligungsfrei ausfallen und ob Systeme nicht zur Überwachung missbraucht werden. Deshalb gehört die Bewältigung strategischer Herausforderungen zur verantwortungsvollen Unternehmensführung und ist mehr als ein nachrangiger «Compliance-Baustein». Am Beispiel des EU AI Act wird sichtbar, dass diese Verantwortung an verbindliche Governance‑Pflichten gekoppelt wird.

Betroffene Unternehmensebenen

Strategische Führung ist keine exklusive Aufgabe der Unternehmensleitung, sondern entsteht als Zusammenspiel aller Führungsebenen. Damit Strategie wirksam wird, braucht es überall ein solides strategisches Verständnis. Führungsverantwortliche müssen die Wertschöpfungslogik, die Prioritäten, die Risiko‑/Chancenabwägungen sowie die Abhängigkeiten zwischen Funktionen, Prozessen und Initiativen verstehen und in ihrem Verantwortungsbereich konsequent übersetzen.

Auf oberster Ebene werden Zweck, Ambition, Leitplanken und zentrale Ressourcenentscheide gesetzt. Gestützt darauf erstellen die mittleren Ebenen bereichsspezifische Strategien, Roadmaps und Portfolios und lösen Zielkonflikte zwischen Wachstum, Effizienz, Risiko und Compliance. In der operativen Führung sowie in Teams wird Strategie schliesslich in Entscheidungen und Verhalten «realisiert»: Priorisieren, Stop/Go-Entscheide, Prozessgestaltung, Kompetenzaufbau und kontinuierliches Lernen bestimmen, ob eine Strategie tatsächlich Wirkung entfaltet.

Besonders deutlich wird dies auch in strategischen Programmen, Projekten und Produktinitiativen: Dort fallen Entscheidungen, die strategische Pfade festlegen (z.B. Technologie- und Partnerwahl, Daten- und Architekturentscheidungen, Skalierungs- oder Abbruchentscheide). Solche Projektentscheidungen sind nicht «nur operativ», sondern prägen Kostenstrukturen, Fähigkeiten, Risiken und Marktposition – also den strategischen Kurs. Deshalb müssen auch Projekt‑, Programm‑ und Produktverantwortliche die Zusammenhänge verstehen und innerhalb klarer Leitplanken souverän entscheiden können.

In Summe gilt: Strategische Führung ist verteilt. Je komplexer Umwelt und Regulierung (z.B. bei KI‑Governance), desto wichtiger wird, dass alle Führungsebenen Strategie nicht nur «kennen», sondern logisch durchdringen, konsequent übersetzen und situativ anpassen, ohne die grundsätzliche Stossrichtung aus den Augen zu verlieren.

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