Lässt sich Mitarbeitenden-Identifikation aus Arbeitgeberbewertungen ablesen?
Autor: Bruno Jäger
Wie verbunden Mitarbeitende sich mit ihrem Unternehmen fühlen, die sogenannte organisationale Identifikation, gilt seit Jahrzehnten als zentraler Treiber von Engagement, Loyalität und Leistung (vgl. z. B. Riketta, 2005). Identifikation gilt daher auch als zentrales Ziel des internen Employer Brandings[Bv1] . Klassisch wird Identifikation über Mitarbeiterbefragungen gemessen, die aufwendig sind, punktuell stattfinden und nur eine begrenzte Stichprobe abbilden. Gleichzeitig existieren auf Plattformen wie kununu oder Glassdoor hunderttausende Arbeitgeberbewertungen, geschrieben von genau jener Zielgruppe, deren Identifikation Unternehmen verstehen wollen. Lassen sich diese Texte als alternative Datenquelle nutzen?
Im Rahmen eines studentischen Forschungsprojekts an der OST, eingebettet in das Innosuisse-Projekt SEB, werden zwei textbasierte Verfahren entwickelt und gegen klassische Skalen validiert. Der Dictionary-Ansatz erfasst theoriegeleitete Sprachmarker wie etwa kollektive Pronomen («wir»), Stolz-Ausdrücke oder possessive Konstruktionen («mein Unternehmen»). Der Embedding-Ansatz nutzt moderne Sentence-Transformer-Modelle, die ganze Reviewtexte in semantische Vektoren übersetzen und mit den Items etablierter Identifikationsskalen vergleichen.
Erste Ergebnisse auf rund 5'000 deutschsprachigen kununu-Reviews zeigen: Beide Methoden produzieren plausibles Signal, messen aber unterschiedliche Aspekte des Konstrukts. Der Dictionary-Ansatz ist transparent und theoriegebunden, übersieht aber implizite Identifikationsformen wie «ich fühle mich hier zuhause». Das Embedding-Modell erfasst genau diese, ist dafür aber weniger interpretierbar und reagiert sensitiver auf das allgemeine Sentiment eines Texts.
Die finale Validierung erfolgt 2026 über eine Online-Befragung, in der textbasierte Scores gegen die etablierten Skalen von Mael & Ashforth (1992) und Edwards & Peccei (2007) geprüft werden. Im Erfolgsfall eröffnet sich eine skalierbare, kontinuierliche Messung der Mitarbeiter-Identifikation aus öffentlich verfügbaren Textdaten — ein Mehrwert für HR-Analytics, Employer Branding und das systematische Monitoring der Mitarbeiterbindung über Branchen und Zeit hinweg.
Literatur
Edwards, M. R., & Peccei, R. (2007). Organizational identification: Development and testing of a conceptually grounded measure. European Journal of Work and Organizational Psychology, 16(1), 25–57.
Mael, F., & Ashforth, B. E. (1992). Alumni and their alma mater: A partial test of the reformulated model of organizational identification. Journal of Organizational Behavior, 13(2), 103–123.
Riketta, M. (2005). Organizational identification: A meta-analysis. Journal of Vocational Behavior, 66(2), 358-384.
