«Sprechen über Gewalt in der Ehe braucht Vertrauen»

Gewalt in der Partnerschaft zu erleben, ist eine grosse Verletzung. Betroffene scheuen sich oftmals, über ihre Situation zu sprechen. Welche Angebote es für Frauen in gewalttätigen Beziehungen gibt, zeigte eine Fachtagung zu «Gewalt in Ehe und Partnerschaft» an der Ostschweizer Fachhochschule.

Eine schwangere Frau erscheint in der Beratungsstelle. Sie hat finanzielle Probleme, unbezahlte Rechnungen, Schulden bei der Krankenkasse. In der Beratung zeigt sich, dass die junge Frau nicht nur wegen ihrer Schulden unter Druck steht. Sie erlebt auch Gewalt in der Partnerschaft. Eine typische Situation: Gewaltbetroffene Menschen kommen häufig mit anderen Themen in die Beratung. Und im Gespräch werden dann Probleme in der Partnerschaft sichtbar. An der Fachtagung «Gewalt in Ehe und Partnerschaft und die Situation der Mütter» in der Ostschweizer Fachhochschule stellten drei Beratungsinstitutionen gemeinsam ein reales Fallbeispiel vor und Fachexpertinnen brachten verschiedene wissenschaftliche Sichtweisen dazu ein.

«Oft beginnt Gewalt schon in der Schwangerschaft. Ein ungewolltes Kind geht mit Druck und Gewalt in der Partnerschaft einher», erklärt Jutta Ahlke von der Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität der Frauenzentrale St.Gallen. Kontrollverhalten, Drohungen und Einsperren sind Formen von Gewalt, die betroffene Frauen häufig erleben. «Es braucht viel Zeit und Vertrauen, bis die Frauen über ihre Situation sprechen können. Wir sensibilisieren die Betroffenen, dass psychische Gewalt auch eine Form von Gewaltausübung ist, und bieten Unterstützung.»

Warum Gewalt in der Familie bis heute tabuisiert wird, erläutert die Historikerin Lynn Blattmann: «Jahrhundertelang galt die Familie als privater, staatsfreier Raum. Die Familie unterstand dem Gewaltmonopol des Mannes. Das Familienoberhaupt hatte ein Züchtigungsrecht gegenüber seiner Frau.» Erst die Frauenbewegung der 1970er Jahre wandte sich unter dem Slogan ‘Das Private ist politisch’ gegen diesen Missstand. Patriarchale Strukturen und häusliche Gewalt wurde zu einem gesellschaftlichen Thema. Dieses Engagement führte dazu, dass Gesetze erlassen, Beratungsstellen eröffnet und Frauenhäuser eingerichtet wurden. «2003 bekam St.Gallen ein neues Polizeigesetz. Mit dem Kontakt- und Rayonverbot konnten Tatpersonen weggewiesen werden. Erstmals erhielten Frauen einen Schutzraum zu Hause – eine Pionierleistung.»

Mirjam Tester vom St.Galler Frauenhaus ergänzt: «Erst wenn schon viel passiert ist, kommen die Frauen ins Frauenhaus. Zum Beispiel wenn sie kein soziales Umfeld haben, das sie in ihrer Gewaltsituation unterstützt. Wir erleben oft, dass die Herkunftsfamilie einen grossen Druck auf die Frau ausübt, wenn sie sich von ihrem gewalttätigen Mann trennen will.» Wenn Frauen Trennungsabsichten äussern, eskaliert die Gewalt von Morddrohungen bis hin zu Tötungsversuchen. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus vergrössert die Hürde für eine Trennung. Auch kulturelle Faktoren können die Situation erschweren. «Bei arrangierten Heiraten hängt die ‘Familienehre’ an der Aufrechterhaltung der Ehe. Wenn die Frauen sich trennen, verlieren sie den Kontakt zur Herkunftsfamilie. Nicht selten gibt es Suizidgedanken», so Tester. Dann bleibt oftmals nur die Flucht ins Frauenhaus. Dort erhalten sie Schutz und Begleitung für den Start in ein eigenständiges Leben.

Warum haben Frauen so grosse Schwierigkeiten, aus gewalttätigen Beziehungen auszubrechen? Einen Erklärungsversuch unternimmt die Traumatherapeutin Rosmarie Barwinski: «Viele betroffene Frauen haben schon in der Kindheit traumatisierende Gewalterfahrungen gemacht. Kinder in gewalttätigen Familien halten sich für ‘schlecht’ und geben sich selbst die Schuld, wenn sie schwer misshandelt werden. Um sich und die Eltern psychisch zu entlasten, werden Täter- und Opferrolle verkehrt. Vorwürfe gehen auf die eigene Person und nicht gegen den Täter. Das ist oft mit Depressionen und einem schlechten Selbstgefühl verbunden.» Als Erwachsene reaktivieren die Betroffenen diesen psychischen Mechanismus. Und dies macht es so schwer, sich aus dem gewaltsamen Umfeld zu befreien.

Wenn Frauen aus dem Frauenhaus austreten, bietet die Opferhilfe eine ambulante und psychische Begleitung an. Sie hilft, die ausgesprochenen Schutzmassnahmen für die betroffene Frau durchzusetzen. «Wir schauen darauf, dass das begleitete Besuchsrecht vollzogen wird, damit es nicht zu neuen Gewalttaten beim Besuch des Kindes kommt. Und auch, dass Frau und Kinder vor möglichen Gefährdungen der Familie geschützt sind», so Monika Kohler von der Opferberatung St.Gallen.

Am Schluss wirft Gabriella Schmid, Dozentin des Departements Soziale Arbeit und Expertin für häusliche Gewalt, einen Blick aus soziologischer Sicht auf das Thema. Die Fakten sind erdrückend: Neuen Studien zufolge sind über ein Drittel aller Frauen in irgendeiner Form von häuslicher Gewalt betroffen. Allein im letzten Jahr wurden in der Schweiz rund 20'000 Straftaten von der Polizei registriert. 2021 gab es hierzulande 25 Femizide, also Tötungen von Frauen durch den Ehemann oder eine andere Person aus der Familie. «Häusliche Gewalt kommt in allen Bevölkerungsgruppen und -schichten vor. Aber besondere Risikofaktoren sind traditionelle Rollenvorstellungen von Dominanz und Unterordnung, sowie Stressfaktoren wie prekäre finanzielle Verhältnisse und Arbeitslosigkeit. Auch Statusunterschiede in der Paarbeziehung oder übermässiger Alkoholkonsum erhöhen das Risiko für Frauen, Gewalt zu erleben. Gesellschaftliche Aufklärung tut weiterhin not», bilanziert die Soziologin und bringt damit das Anliegen der Fachtagung auf den Punkt.

 

Die Fachtagung «Gegen Gewalt an Frauen» fand im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» statt.

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«Sprechen über Gewalt in der Ehe braucht Vertrauen»

Gewalt in der Partnerschaft zu erleben, ist eine grosse Verletzung. Betroffene scheuen sich oftmals, über ihre Situation zu sprechen. Welche Angebote es für Frauen in gewalttätigen Beziehungen gibt, zeigte eine Fachtagung zu «Gewalt in Ehe und Partnerschaft» an der Ostschweizer Fachhochschule.

Eine schwangere Frau erscheint in der Beratungsstelle. Sie hat finanzielle Probleme, unbezahlte Rechnungen, Schulden bei der Krankenkasse. In der Beratung zeigt sich, dass die junge Frau nicht nur wegen ihrer Schulden unter Druck steht. Sie erlebt auch Gewalt in der Partnerschaft. Eine typische Situation: Gewaltbetroffene Menschen kommen häufig mit anderen Themen in die Beratung. Und im Gespräch werden dann Probleme in der Partnerschaft sichtbar. An der Fachtagung «Gewalt in Ehe und Partnerschaft und die Situation der Mütter» in der Ostschweizer Fachhochschule stellten drei Beratungsinstitutionen gemeinsam ein reales Fallbeispiel vor und Fachexpertinnen brachten verschiedene wissenschaftliche Sichtweisen dazu ein.

«Oft beginnt Gewalt schon in der Schwangerschaft. Ein ungewolltes Kind geht mit Druck und Gewalt in der Partnerschaft einher», erklärt Jutta Ahlke von der Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität der Frauenzentrale St.Gallen. Kontrollverhalten, Drohungen und Einsperren sind Formen von Gewalt, die betroffene Frauen häufig erleben. «Es braucht viel Zeit und Vertrauen, bis die Frauen über ihre Situation sprechen können. Wir sensibilisieren die Betroffenen, dass psychische Gewalt auch eine Form von Gewaltausübung ist, und bieten Unterstützung.»

Warum Gewalt in der Familie bis heute tabuisiert wird, erläutert die Historikerin Lynn Blattmann: «Jahrhundertelang galt die Familie als privater, staatsfreier Raum. Die Familie unterstand dem Gewaltmonopol des Mannes. Das Familienoberhaupt hatte ein Züchtigungsrecht gegenüber seiner Frau.» Erst die Frauenbewegung der 1970er Jahre wandte sich unter dem Slogan ‘Das Private ist politisch’ gegen diesen Missstand. Patriarchale Strukturen und häusliche Gewalt wurde zu einem gesellschaftlichen Thema. Dieses Engagement führte dazu, dass Gesetze erlassen, Beratungsstellen eröffnet und Frauenhäuser eingerichtet wurden. «2003 bekam St.Gallen ein neues Polizeigesetz. Mit dem Kontakt- und Rayonverbot konnten Tatpersonen weggewiesen werden. Erstmals erhielten Frauen einen Schutzraum zu Hause – eine Pionierleistung.»

Mirjam Tester vom St.Galler Frauenhaus ergänzt: «Erst wenn schon viel passiert ist, kommen die Frauen ins Frauenhaus. Zum Beispiel wenn sie kein soziales Umfeld haben, das sie in ihrer Gewaltsituation unterstützt. Wir erleben oft, dass die Herkunftsfamilie einen grossen Druck auf die Frau ausübt, wenn sie sich von ihrem gewalttätigen Mann trennen will.» Wenn Frauen Trennungsabsichten äussern, eskaliert die Gewalt von Morddrohungen bis hin zu Tötungsversuchen. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus vergrössert die Hürde für eine Trennung. Auch kulturelle Faktoren können die Situation erschweren. «Bei arrangierten Heiraten hängt die ‘Familienehre’ an der Aufrechterhaltung der Ehe. Wenn die Frauen sich trennen, verlieren sie den Kontakt zur Herkunftsfamilie. Nicht selten gibt es Suizidgedanken», so Tester. Dann bleibt oftmals nur die Flucht ins Frauenhaus. Dort erhalten sie Schutz und Begleitung für den Start in ein eigenständiges Leben.

Warum haben Frauen so grosse Schwierigkeiten, aus gewalttätigen Beziehungen auszubrechen? Einen Erklärungsversuch unternimmt die Traumatherapeutin Rosmarie Barwinski: «Viele betroffene Frauen haben schon in der Kindheit traumatisierende Gewalterfahrungen gemacht. Kinder in gewalttätigen Familien halten sich für ‘schlecht’ und geben sich selbst die Schuld, wenn sie schwer misshandelt werden. Um sich und die Eltern psychisch zu entlasten, werden Täter- und Opferrolle verkehrt. Vorwürfe gehen auf die eigene Person und nicht gegen den Täter. Das ist oft mit Depressionen und einem schlechten Selbstgefühl verbunden.» Als Erwachsene reaktivieren die Betroffenen diesen psychischen Mechanismus. Und dies macht es so schwer, sich aus dem gewaltsamen Umfeld zu befreien.

Wenn Frauen aus dem Frauenhaus austreten, bietet die Opferhilfe eine ambulante und psychische Begleitung an. Sie hilft, die ausgesprochenen Schutzmassnahmen für die betroffene Frau durchzusetzen. «Wir schauen darauf, dass das begleitete Besuchsrecht vollzogen wird, damit es nicht zu neuen Gewalttaten beim Besuch des Kindes kommt. Und auch, dass Frau und Kinder vor möglichen Gefährdungen der Familie geschützt sind», so Monika Kohler von der Opferberatung St.Gallen.

Am Schluss wirft Gabriella Schmid, Dozentin des Departements Soziale Arbeit und Expertin für häusliche Gewalt, einen Blick aus soziologischer Sicht auf das Thema. Die Fakten sind erdrückend: Neuen Studien zufolge sind über ein Drittel aller Frauen in irgendeiner Form von häuslicher Gewalt betroffen. Allein im letzten Jahr wurden in der Schweiz rund 20'000 Straftaten von der Polizei registriert. 2021 gab es hierzulande 25 Femizide, also Tötungen von Frauen durch den Ehemann oder eine andere Person aus der Familie. «Häusliche Gewalt kommt in allen Bevölkerungsgruppen und -schichten vor. Aber besondere Risikofaktoren sind traditionelle Rollenvorstellungen von Dominanz und Unterordnung, sowie Stressfaktoren wie prekäre finanzielle Verhältnisse und Arbeitslosigkeit. Auch Statusunterschiede in der Paarbeziehung oder übermässiger Alkoholkonsum erhöhen das Risiko für Frauen, Gewalt zu erleben. Gesellschaftliche Aufklärung tut weiterhin not», bilanziert die Soziologin und bringt damit das Anliegen der Fachtagung auf den Punkt.

 

Die Fachtagung «Gegen Gewalt an Frauen» fand im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» statt.