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Kryptowährungen: Braucht es ein neues Narrativ?

25.03.2026

Kryptowährungen und Blockchain-Technologien entwickeln sich derzeit in unterschiedliche Richtungen: Während Bitcoin als Anlageobjekt stark unter Druck steht und seine Rolle als «digitales Gold» an Überzeugungskraft verliert, gewinnen konkrete Anwendungen der Blockchain im Finanzsektor an Bedeutung, etwa bei der Tokenisierung von Vermögenswerten und neuen digitalen Formen von Geld.

Der Markt für Kryptowährungen befindet sich derzeit in einer schwierigen Phase. Nach stark steigenden Kursen in den Jahren 2023 bis 2025 und wachsender Aufmerksamkeit von institutionellen Investoren hat sich die Stimmung zuletzt deutlich abgekühlt. Besonders Bitcoin, der lange als «digitales Gold» bezeichnet wurde, hat in den vergangenen Monaten deutlich korrigiert und sich anders entwickelt als klassische sichere Häfen wie Gold.

Gleichzeitig schreitet die technologische Entwicklung der Blockchain weiter voran. Während Kursschwankungen derzeit die Schlagzeilen dominieren, arbeiten Banken, Vermögensverwalter und Technologieunternehmen weltweit an neuen Anwendungen. Im Zentrum steht dabei die Tokenisierung von Vermögenswerten, also die digitale Abbildung von Finanzinstrumenten wie Aktien, Anleihen oder Fondsanteilen auf Blockchain-Infrastrukturen. Parallel dazu gewinnt auch die Tokenisierung von Geld an Bedeutung. Neben Stablecoins beschäftigen sich Banken zunehmend mit sogenannten Deposit Tokens, einer tokenisierten Form von Bankeinlagen, während die Notenbanken digitale Varianten von Zentralbankgeld (CBDC) prüfen.

Der Kryptomarkt zeigt damit zwei unterschiedliche Entwicklungen. Einerseits bleibt Bitcoin ein stark von der Marktstimmung geprägtes Investment. Andererseits entstehen im Hintergrund konkrete Anwendungen der Blockchain-Technologie, die das Potenzial haben, Teile der Finanzmarktinfrastruktur langfristig und fundamental zu verändern.

Bitcoin ist (noch) kein digitales Gold

Bitcoin wurde in den vergangenen Jahren häufig als «digitales Gold» bezeichnet. Als Argumente werden die vergleichbaren Eigenschaften wie die begrenzte Menge sowie die fehlenden Cashflows aufgeführt.

Die jüngsten Marktentwicklungen stellen dieses Narrativ jedoch infrage. Während Gold in geopolitisch unsicheren Zeiten als sicherer Hafen gefragt war, entwickelte sich Bitcoin in die entgegengesetzte Richtung. In Phasen erhöhter Unsicherheit reduzieren die meisten Anleger ihre risikobehafteten Anlagen, zu denen auch die Kryptowährungen zählen.

Nach einem starken Kursanstieg erreichte Bitcoin im Herbst 2025 ein neues Allzeithoch von rund USD 126'000. Seither hat sich der Kurs deutlich reduziert und lag Mitte März 2026 bei rund USD 70'000. Damit hat Bitcoin seit seinem Höchststand fast die Hälfte seines Wertes eingebüsst.

Gold erfüllt dagegen seit Jahrhunderten eine klar definierte Rolle im Portfolio. Neben der Nachfrage aus der Schmuckindustrie bestimmen heute auch die Investoren und die Zentralbanken den Goldmarkt.

Bitcoin existiert erst seit dem Jahr 2009 und wurde ursprünglich als digitales Zahlungsmittel konzipiert. Im weltweiten Zahlungsverkehr spielt Bitcoin jedoch bis heute nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen wird die Kryptowährung primär als Anlageobjekt betrachtet.

Ein wichtiger Meilenstein war die Zulassung von Bitcoin-ETFs im Jahr 2024 in den USA. Diese ETFs verwalten inzwischen Vermögen von deutlich über 100 Milliarden US-Dollar und haben zu einem stärkeren Engagement institutioneller Investoren geführt. Dennoch bleiben viele grosse Anleger wie Pensionskassen weiterhin zurückhaltend.

Autor

Prof. Ernesto Turnes ist Professor für Banking & Finance und Leiter des Instituts für Finance und Law.

Tokenisierung von Vermögenswerten auf dem Vormarsch

Während Bitcoin ursprünglich als digitales Zahlungsmittel konzipiert wurde, dienen andere Blockchains, wie beispielsweise Ethereum, primär als Plattform für die Ausführung von sogenannten Smart Contracts. Dabei handelt es sich um Programme, die automatisch ausgeführt werden, sobald vordefinierte Bedingungen erfüllt sind. Besonders im Finanzsektor eröffnen solche Anwendungen zahlreiche Möglichkeiten.

Ein aktueller Schwerpunkt von Blockchains mit Plattformfunktion liegt auf der Tokenisierung von realen Vermögenswerten. Dabei werden bestehende Finanzinstrumente wie Aktien, Anleihen oder Fondsanteile in digitale Tokens umgewandelt und auf Blockchain-Infrastrukturen handelbar gemacht.

Dieser Markt befindet sich immer noch in einer frühen Phase, doch das Interesse grosser Finanzinstitute wächst stetig. Der CEO des Vermögensverwalters BlackRock, Larry Fink, betonte im vergangenen Oktober 2025, dass man «erst am Anfang der Tokenisierung aller Assets» stehe. Für ihn markiert diese Entwicklung den Beginn einer grundlegenden Transformation des globalen Finanzsystems.

Der zentrale Vorteil von tokenisierten Assets liegt in effizienteren Prozessen. Diese digitalen Assets können schneller ausgegeben, gehandelt und abgewickelt werden. Insbesondere die Prozesse im Nachhandel, etwa Clearing und Settlement, lassen sich optimieren bzw. automatisieren.

Tokenisiertes Geld rückt ins Rampenlicht

Neben der allgemeinen Tokenisierung von Vermögenswerten rückt in jüngster Vergangenheit insbesondere die Tokenisierung von Geld in den Mittelpunkt.

Besonders dynamisch entwickelt sich derzeit der Markt für Stablecoins. Dabei handelt es sich um digitale Tokens, deren Wert typischerweise an eine klassische Währung gekoppelt ist, meist an den US-Dollar. Die beiden grössten USD-Stablecoins, USDT von Tether und USDC von Circle, dominieren diesen Markt, dessen Gesamtvolumen inzwischen bei rund USD 300 Milliarden liegt.

Stablecoins dienen im Kryptomarkt als Brücke zwischen traditionellen Währungen und digitalen Vermögenswerten. Für die Emittenten ist das Geschäftsmodell bei hohen Zinsen sehr attraktiv. Die hinterlegten Reserven zur Stabilisierung der USD-Stablecoins werden überwiegend in US-Dollar und kurzlaufende US-Staatsanleihen investiert. Die Zinserträge daraus verbleiben beim Emittenten, während die Halter der Stablecoins in der Regel keine Verzinsung erhalten. Die privaten Unternehmen Tether und Circle erwirtschaften bei den aktuellen Zinsen in den USA mehrere Milliarden aus der Verzinsung der hinterlegten Reserven.

Auch in der Schweiz rücken Stablecoins regulatorisch stärker in den Fokus. Der Bundesrat hat eine Revision des Finanzinstitutsgesetzes (FINIG) angestossen, welche unter anderem einen klareren regulatorischen Rahmen für Stablecoins und weitere Blockchain-Anwendungen schaffen soll.

Neben Stablecoins beschäftigen sich die Banken zunehmend mit Deposit Tokens, also tokenisierten Bankeinlagen. Diese könnten künftig etwa für Zahlungen oder für die Abwicklung von Transaktionen auf Blockchain-basierten Finanzmarktinfrastrukturen eingesetzt werden.

Auch die Notenbanken prüfen digitale Formen von Zentralbankgeld. In der Schweiz ist eine digitale Zentralbankwährung für Endkunden derzeit kein Thema. In den USA wurden entsprechende Projekte von Präsident Trump unlängst verboten. Die Europäische Zentralbank arbeitet hingegen weiterhin am Konzept eines digitalen Euro und untersucht mögliche Anwendungen sowohl für Privatpersonen als auch für den Zahlungsverkehr zwischen Finanzinstituten.

Mehr erfahren

Wer diese Entwicklungen weiter vertiefen möchte, erhält im dreitägigen Fachkurs «Crypto Assets in der Finanzbranche» vom 17. bis 19. August 2026 an der Ostschweizer Fachhochschule in St. Gallen einen fundierten Überblick. Dieser Fachkurs richtet sich an Interessierte innerhalb und ausserhalb der Finanzbranche, auch ohne Vorwissen. Weitere Infos sind auf unserer Webseite verfügbar:

Alternativ bietet das Halbtagesseminar «Kryptowährungen für PK-Stiftungsratsmitglieder» am 9. September 2026 in St. Gallen einen kompakten Überblick, auch für Teilnehmende, welche nicht als Stiftungsmitglieder einer Pensionskasse tätig sind. Weitere Infos sind auf unserer Webseite verfügbar: