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Dialog-Serie

Die OST –  Ostschweizer Fachhochschule besitzt eine umfangreiche Sammlung von Grafiken, die aus einer grosszügigen Schenkung der Erker-Galerie stammt. Ein Teil der Sammlung ist in den Gängen der ersten vier Stockwerke das ganze Jahr über ausgestellt, der Rest lagert im Archiv. Die Sammlung ist zu den regulären Öffnungszeiten des Gebäudes öffentlich zugänglich. Es werden regelmässig Führungen angeboten, man kann aber auch gerne individuelle Termine vereinbaren.

Licht und Gegenlicht: Fotografien von Virginie Vabre und Grafiken von Giuseppe Santomaso

Ausstellung im Fachhochschulzentrum 20. März 2026 bis 26. September 2026

Die Ausstellung Licht und Gegenlicht kombiniert Fotografien der in Zürich lebenden französischen Fotografin Virginie Vabre (*1972) mit einzelnen Lithografien des italienischen Malers Giuseppe Santomaso (1907–1990), die aus der Kunstsammlung der OST stammen. 

Virginie Vabres Fotos halten die Balance zwischen Spontaneität und Formbewusstsein, zwischen der Lust an der menschlichen Begegnung und der distanzierten Beobachtung der Aussenwelt. Die Themen ihrer Fotografien sind breit gefächert und reichen von Architektur- und Porträtaufnahmen über Stadt- und Naturansichten bis hin zur Dokumentation künstlerischer Performances. Ein besonderes Augenmerk der Fotografin gilt dem Spiel mit Strukturen, Farben und Schatten.

Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre

Die abstrakte Malerei von Giovanni Santomaso als Kontrapunkt

Giuseppe Santomaso war einer der bedeutendsten italienischen Maler des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1907 in Venedig geboren und starb im Jahre 1990 in seiner Heimatstadt. Sein Atelier lag am Canal Grande. Ausgehend von der klassischen Moderne, beeinflusst von Henri Matisse, Georges Braque, Pierre Bonnard und Pablo Picasso entwickelte Santomaso zunächst eine noch gegenständliche Bildsprache. Mit der Hinwendung zum Informel zu Beginn der 1950er-Jahre öffnete sich sein Werk zunehmend der Abstraktion. Unsere Kunstsammlung beherbergt Lithografien (Steindrucke) aus der Schaffensperiode zwischen 1967 und 1982.

Santomaso liess sich in seinem abstrakten Spätwerk von der Schönheit der Palazzi Venedigs inspirieren und fing die Atmosphäre seiner Geburtsstadt in meditativen Bildern ein. Typisch sind minimalistische, collageartig komponierte Arrangements, die mit wenigen Elementen einen suggestiven poetischen Raum erschaffen.

In Interviews hat der italienische Künstler immer wieder hervorgehoben, dass seine abstrakte Malerei nicht einem intellektuellen Kalkül entstammt, sondern persönlicher Erfahrung. Die italienische Kunstkritik hat den tagebuchähnlichen Charakter seiner Bilder hervorgehoben.

«Das Endergebnis ist immer ein erfundenes Bild, der Ausgangspunkt aber ist gelebte Erfahrung.» (Giuseppe Santomaso) Zwar liege die Ausdruckskraft seiner Bildsprache, so eine weitere Äusserung des Malers, in den «Formen, im Raum, im Licht» und nicht «im Beschreiben, im Sinn, im Bildinhalt.» Aber letztlich gelte für ihn: «Man lebt in den Dingen und mit ihnen. Ohne sie gibt es keine Imagination.» (Giuseppe Santomaso, Fernsehinterview)

Santomaso, Vento dell’Est, Lithografie (1979)
Santomaso, Vento dell’Est, Lithografie (1979)
Santomaso, Hommage à Hans Arp, Lithografie (1967)
Santomaso, Hommage à Hans Arp, Lithografie (1967)

Ein Einspruch gegen die alltägliche Bilderflut

Es lassen sich zwei Typen von Architekturfotos bei Virginie Vabre unterscheiden. Es gibt jene, die ein Gebäude zwar nicht in seiner Ganzheit, aber aus einer grösseren Entfernung zeigen. Diesen Fotos fügt die Fotografin fast immer ein miniaturhaftes lebendiges Element hinzu. Oft ist es ein Mensch, gelegentlich ein Tier, z.B. ein Hund. Beim anderen Typus wählt die Fotografin einen Ausschnitt, der dem Betrachter die Orientierung tendenziell erschwert. Bei diesen Fotos tritt die Abbildungsfunktion in den Hintergrund. Die schwere Materie der Architektur verwandelt sich in ein abstraktes Spiel von Farben und Strukturen.

Wir sind daran gewöhnt, Fotos als Wiedergabe einer äusseren Wirklichkeit aufzufassen. Aber spätestens seit den Bearbeitungsmöglichkeiten der digitalen Fotografie und erst recht seit der rasanten Ausbreitung KI-generierter Bilder wird uns zunehmend bewusst, dass man jeder Fotografie mit Skepsis begegnen sollte. Wir können heute nie mehr sicher sein, ob ein Foto tatsächlich eine Realität abbildet oder eine Scheinrealität konstruiert. Das ist auch bei Videos der Fall (Stichwort Deepfakes). Dies hat bekanntlich politisch schwerwiegende Implikationen.

Täglich werden schätzungsweise 5.3 Milliarden Fotos aufgenommen. Das sind pro Sekunde über 61000 Bilder. Auf Instagram werden etwa 1000 Fotos pro Sekunde hochgeladen, auf Facebook 4000. Angesichts dieser überwältigenden Bilderflut, die unsere Sinne abstumpft und die Phantasie verkümmern lässt, weil wir täglich so viele Fotos in einem hohen Tempo an uns vorbeirauschen lassen, habe ich es als Privileg empfunden, dass ich mich bei der Vorbereitung auf diese Ausstellung über einen längeren Zeitraum intensiv mit einer überschaubaren Menge von Fotos befassen durfte. Diese Möglichkeit, sich Zeit nehmen zu können, habe ich geradezu als heilsam empfunden. Hinzu kam der kontinuierliche Austausch mit Virginie Vabre und übrigens auch mit Birgit Widmer, die uns einige Male beratend und gelegentlich herausfordernd zur Seite stand. Beiden sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.

Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre

Zauber und Zufall in der Fotografie

Es gibt Fotos in dieser Ausstellung, die schlagen ein wie ein Blitz. Sie begeistern durch den effektvollen Auftritt. Andere fesseln die Aufmerksamkeit durch die Versenkung in ihre Gesamtstruktur wie in einzelne Details, durch das dem Lesen verwandte Knüpfen von Verbindungen, durch die Entdeckung einer feinen Ironie oder durch die Wahrnehmung eines Musters, das einem beim ersten Anblick verborgen geblieben sein mochte. 

Woher rührt die Anziehungskraft, die Faszination oder der Zauber, die von der Fotografie ausgeht? Mir scheint, dass diese Faszination damit zu tun hat, dass die Wirklichkeit, die das Foto abbildet oder abzubilden vorgibt, vom Fotografen nicht vollständig kontrollierbar ist. Etwas bleibt immer dem Zufall überlassen. Wer den Auslöser betätigt, kann unmöglich alles im Blick haben.

Walter Benjamin spricht in seiner Kleinen Geschichte der Fotografie vom winzigen «Fünkchen Zufall, Hier und Jetzt, [...] mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleichsam durchgesengt hat.» Eine ebenso dramatische wie anregende Metapher für das Verhältnis von Fotografie und Realität: Durchsengen bedeutet, etwas durch Hitzeeinwirkung zu durchbohren.

Der Zufall impliziert Absichtslosigkeit sowie ein Überraschungsmoment, und zwar sowohl für den Betrachter des Fotos wie für den Fotografen oder die Fotografin selbst. 

Im Foto zeigt sich der Zufall in einem besonderen Modus, nämlich dem der Dauer, der Permanenz. Das Foto schafft das Unmögliche: Es stellt die Zeit still. 

Man betrachtet zum Beispiel das Foto einer belebten Strasse in dem Bewusstsein, dass die reale Situation nicht nur endgültig der Vergangenheit angehört, sondern dass wir es nicht vermochten, diese Situation in ihrer ganzen Fülle und Komplexität zu erfassen. Die nachträgliche minutiöse Betrachtung des Fotos mag uns für diesen Verlust entschädigen, aber wir geniessen diese Betrachtung um den Preis, dass die Situation aus dem lebendigen Zusammenhang gerissen und stillgestellt wurde. Einige Theoretiker der Fotografie, etwa Siegfried Kracauer oder Susan Sontag, haben deswegen der Fotografie eine besondere Nähe zur Melancholie und zur Nostalgie nachgesagt.

Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre

Geglückte Menschenbilder

Darum ist es umso bemerkenswerter, dass Virginie Vabres Blick auf die Welt, ihren Fotos nach zu urteilen, frei ist von melancholischen oder nostalgischen Gesten. Ich möchte sogar behaupten, dass sie frei sind von Negativität. Alles bei ihr ist eine freudige, lebensbejahende Feier von Farbe und Form. Dabei werden keineswegs Elemente unterschlagen, die einer konventionellen Vorstellung des Schönen nicht entsprechen. Zum Beispiel die beiden Fotos mit «unschönen» Graffiti. Die Fotografin hat auch eine nüchterne Seite, die Realitäten anerkennt und ästhetisch würdigt, ohne sie beschönigen zu müssen.

In diesem Zusammenhang möchte ich ihre wunderbaren Fotos von Kindern erwähnen. Auf dem folgenden Foto haben sich einige Kinder ganz natürlich vor der Kamera aufgereiht, übermütig und ganz entspannt. Charakteristisch für dieses Foto ist die Abwesenheit von Sentimentalität, die sich bei Kinderfotos so leicht einstellt.

Ich möchte auch auf die feinfühlige Miniatur-Porträtserie «Dans ma rue» hinweisen und auf die grossformatigen vier Doppelporträts. Es sind respektvoll, ja liebevoll porträtierte Personen des näheren Umfelds, die Virginie Vabre vor die Kamera gestellt hat, offensichtlich mit einem besonderen Geschick, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Menschen wohlfühlen. Man spürt das Interesse, das die Fotografin diesen Personen entgegenbringt. Das macht für mich die besondere Qualität dieser Serie aus. Die beiden Fotos unten zeigen zwei Zwillingspaare.

Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre
Foto: Virginie Vabre

Virginie Vabres fotografische Neugier, ihre Lust am Erkunden der Wirklichkeit gilt dem Alltäglichen, nicht dem vordergründig Spektakulären oder dem Exotischen. Auch im Unauffälligen entdeckt sie Feinheiten, Korrespondenzen und Details. Ich habe vom Zufall gesprochen, der für die Fotografie zentral ist. Aber man darf nicht die Geistesgegenwärtigkeit der Fotografin vergessen, die im «entscheidenden Augenblick» den Auslöser betätigt, dem «moment décisif», um eine berühmte Formulierung des Fotografen Henri Cartier-Bresson (1908–2004) aufzugreifen. 

Text: Elias Torra, Leiter Fachstelle Kunst