Forschung und Kooperation

Als Mitglied der Scientific Community beteiligt sich das ZEN an Forschungen zu generellen Aspekten der Angewandten Ethik und speziellen Aspekten der unterschiedlichen Bereichsethiken.

Gegenwärtig führt das ZEN in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern das Projekt «Knackpunkt BRK» durch. Ziel ist es, ein Instrument zur (Selbst)Überprüfung der BRK-Konformität von Institutionen zum Thema Sexualität, Verhütung und Kinderwunsch von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zu entwickeln. Dies geschieht partizipativ: Menschen mit Beeinträchtigungen sind selbstverständlich Teil des Projektteams. Das Projekt wird vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB) gefördert.

Zudem freuen wir uns, dass aus dem Projekt SEGEL (Laufzeit 2017-2020) ein erfolgreiches Produkt entstanden ist: Ein speziell entwickelter Gesprächsleitfaden erlaubt es, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen zusammen schwierige Fragen zum Thema Selbstbestimmung besprechen. Das SEGEL-Team kann ab sofort für solche Moderationen gebucht werden! Auf Wunsch sind auch Vorträge, Workshops und sokratische Gespräche zu den Themen Selbstbestimmung und Partizipation möglich.

«Darf man auf der Wohngruppe den Kühlschrank abschliessen?»

«Soll das Alkoholverbot in der Institution aufgehoben werden?»

«Dürfen Paare mit einer Beeinträchtigung zusammen auf der Wohngruppe Sex haben?»

Solchen und ähnlichen Fragen hat sich das Team SEGEL angenommen. Denn Selbstbestimmung und unabhängige Lebensführung haben einen zentralen Stellenwert für uns. Das gilt auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Die Betroffenen haben Rechte und Pflichten wie alle anderen auch – das ist spätestens seit Inkrafttreten des UNO-Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen eine unumstössliche Tatsache. 

Damit verbunden sind besondere Herausforderungen an Institutionen sowie Fach- und Unterstützungspersonen für Menschen mit Behinderungen. Das zeigt sich unter anderem dann, wenn es darum geht, dass alle gemeinsam moralische Fragen besprechen können, welche aus dem Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung und der Fürsorgepflicht erwachsen können.

Im Projekt SEGEL haben wir uns intensiv mit dem Thema Selbstbestimmung auseinandergesetzt. Wir sind ein Team von Menschen mit und ohne kognitive Beeinträchtigungen und forschen, entwickeln und unterrichten zusammen.

SEGEL steht für: «Schwierige Entscheide – Gemeinsame Lösungen».

Zum einen wollten wir herausfinden, was Selbstbestimmung im Kontext von kognitiver Beeinträchtigung eigentlich genau bedeutet. Um eine Begriffsdefinition zu finden, haben wir mehrere Sokratische Gespräche durchgeführt. Das Resultat finden Sie hier.

Das zweite grosse Ziel des Projektes war die Erarbeitung eines strukturierten Gesprächsleitfadens, mit dem Menschen mit Beeinträchtigungen gemeinsam mit Fachpersonen, Eltern, Beiständen etc. ethische Fragen im Kontext von Selbstbestimmung bearbeiten können.

Dieser Leitfaden wurde in verschiedenen Institutionen getestet und liegt nun in Form von fixfertigem Arbeitsmaterial vor.

Projektpartner: Hochschule Luzern.

Dieses Projekt ist eines der sechs Gewinnerprojekte der Jahresausschreibung 2017 «BREF – Brückenschläge mit Erfolg» – ein Kooperationsprogramm von Gebert Rüf Stiftung und swissuniversities.  Es wurde auch gefördert von der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik.

Weiterführende Links:


Hier finden Sie interessante Videos:


Projektleitung: Dr. phil. I Corinne Wohlgensinger
Projektteam:

  • Judith Adler (externe Co-Projektleitung der HSLU)
  • Urban Hanny
  • Peter Ladner
  • Susanne Rutishauser
  • Sibylla Strolz (wissenschaftliche Assistenz)
  • Karin Zingg

 

 

«Selbstbestimmungsfähigkeit alter Menschen. Entscheidungshilfen für Interventionen durch die KESB» in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden in der Deutschschweiz und dem philosophischen Seminar der Universität Hamburg. Dieses Projekt ist einer der fünf Gewinner der Jahresausschreibung 2015 «BREF – Brückenschläge mit Erfolg» – ein Kooperationsprogramm von Gebert Rüf Stiftung und swissuniversities

Die KESB hat die Aufgabe, für das Wohl und den Schutz von hilfsbedürftigen und vulnerablen Personen zu sorgen. Mit dem neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrecht wird der Selbstbestimmung der betroffenen Personen wesentlich stärker Beachtung geschenkt, als dies bislang im alten Vormundschaftsrecht der Fall war. Damit trägt der Erwachsenenschutz dem Umstand Rechnung, dass bei alten Menschen in jedem Fall eine hinreichende Selbstbestimmung vorgelegen hat, die allerdings zum Zeitpunkt einer möglichen Intervention in Frage gestellt wird. Mit dem Eingriff in die individuelle Freiheit wird ein hohes ethisches Gut berührt, wodurch die Legitimationsbedürftigkeit von Interventionen durch die KESB und der ihnen zugrundeliegenden Entscheidungen steigt.

Massstab für die interdisziplinär zusammengesetzte Fachbehörde ist aber nicht nur der Umgang mit dem Spannungsfeld von Selbst- und Fremdbestimmung, sondern auch die Form und Qualität der Interdisziplinarität bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung.
Die Entscheidungen beziehen sich auf Problemlagen, die keine vorgefertigten Lösungen i.S. von Handlungsrezepten zulassen, sondern immer eine Abwägung von sich oft widerstreitenden Optionen erfordern. Gerahmt von gesetzlichen Vorgaben, interdisziplinärem Professionswissen, ethischen Anforderungen und ökonomischen Mitteln ergibt sich ein Ermessensspielraum, in dem alle nicht sicheren Bestandteile der Entscheidungsfindung abgewogen werden. Auf diesen Prozess nehmen drei Faktoren Einfluss: die Emotionen der handelnden Personen, die Zeit (das Wohl der betroffenen Person hat einen doppelten Zeitbezug: Gegenwart und Zukunft) und die Ungewissheit (i.S. des Nichtwissens).

Da diese Dimensionen nicht über empirische und/oder rationale Verfahren zu bändigen sind und eine Letzt-Orientierung fehlt, wird die professionelle Intuition i.S. einer praktischen Vernunft zur massgeblichen Kraft des Entscheids im Ermessensspielraum. Hierbei gilt es zu beachten, dass die Beschränkung des subjektiv-intuitiven Erfahrungswissens zu überschreiten ist, um die professionelle Intuition nachvollziehbar, überprüfbar und übertragbar zu machen. Durch die Verbindung dieser Elemente kann die professionelle Urteilkraft gestärkt und i.S. einer spezifischen Expertise auch gezielt geschult werden.

Das Projekt hat zum Ziel, auf dieser Grundlage Entscheidungshilfen im Erwachsenenschutz zu entwickeln, die den beteiligten Professionen sowohl Orientierung bei der Entscheidungsfindung bieten als auch das Fällen eines Entscheides im Rahmen des Ermessensspielraums unterstützen.

Was ist das Besondere an diesem Projekt?
In dieser Form liegt noch keine Entscheidungshilfe für den Erwachsenenschutz vor. Die meisten Studien im In- und Ausland beziehen sich eher auf die Phase der Abklärung, also auf die Vorphase des Entscheids. Zudem geht es mehrheitlich um Fragen zur Kindeswohlgefährdung. Problemstellungen im Bereich des Erwachsenenschutzes werden hingegen stark vernachlässigt. Es ist das Anliegen des Projekts, dass nicht einfach klassische Tools und Instrumente entwickelt werden, sondern gemeinsam mit den Projektpartnern nach neuen Formen von spezifischen Entscheidungshilfen gesucht wird. Dabei soll der Versuchung einer allein rationalistischen Lösung widerstanden werden, indem rationale Elemente mit Aspekten einer professionellen Intuition zu einem Modell einer praktischen Urteilskraft verbunden werden.

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