Workshops Bodenseetagung 2021

Denkinsel 1: Nachhaltige Beschaffung als Gestaltungsmöglichkeit im öffentlichen Sektor

(Fast) alle Fachpersonen sind in einen institutionellen Kontext eingebunden, womit auch die Frage(n) nach (nachhaltiger) Beschaffung gestellt wird. Und zwar stellen sich diese Fragen weniger in den Kernbereichen der täglichen Arbeit, sondern stärker in den Querschnittsaufgaben eines jeder Fachperson. Im Rahmen dieses Workshops wird zusammen mit dem Workshopleitenden der Frage nachgegangen, inwiefern von einzelnen Fachpersonen der Sozialen Arbeit einen Beitrag geleistet werden kann und weshalb es auf das Handeln von jedem einzelnen dabei ankommt. Ebenfalls wird gefragt, ob wir machtlos sind gegenüber der gängigen (Betriebs-)Kultur von möglichst tiefen und günstigen Preisen im Einkauf. 

Leitung: Marc Steiner

Zur Person: Marc Steiner ist seit 2007 Richter am Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen und zuvor Jurist an verschiedensten Gerichtsinstanzen mit Schwerpunkt Beschaffungsrecht tätig. Neben der massgeblichen Mitarbeit am neuen öffentlichen Beschaffungsrecht hat er am 6. Dezember 2019 anlässlich des "Climate law and Governance Day" in Madrid ein Panel zur nachhaltigen öffentlichen Beschaffung als klimapolitischen Hebel mitbestritten.  

Denkinsel 2: Enkeltaugliches Morgen: Zukunftstaugliche Städte und Gemeinden

Im Workshop stehen drei Fragen aus Theorie und Praxis im Zentrum:

  • Aus der Forschung: Wie ist die Integration der Agenda 2030 in die kommunale Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu denken?
  • Aus der Praxis: Wie gelingt die Umsetzung und Verstetigung in der Verwaltung gemeinsam mit der Bevölkerung?
  • In der Verbindung: Welche Rolle nehmen dabei die Sozialarbeitenden ein?

Leitung: Stefan Tittmann, Daniela Epple und Patrick Aeschlimann

Zur Person: Stefan Tittmann leitet seit 2016 das Zentrum für Gemeinden der OST. Als Sozialpädagoge und Gemeindeentwickler ist sein Schwerpunkt die integrale Kommunalentwicklung mit Einbezug aller Anspruchsgruppen.

Denkinsel 3: Nachhaltigkeit in der Sozialraumentwicklung

Immer öfter werden mit lokalen Entwicklungen Ansprüche und Hoffnungen verbunden, Nachhaltigkeit durch Beteiligung zu gewährleisten. Wir fragen nach: Was macht die Nachhaltigkeit genau aus? Ist sie in Beteiligungsprozessen selbstverständlich gegeben – oder gar nicht einlösbar? Welche Perspektiven kommen in der Sozialraumentwicklung zusammen und wie weit reicht eigentlich eine Zukunftsperspektive? Wer übernimmt dafür Verantwortung und welche Rolle nimmt die Soziale Arbeit ein?  Anhand von Praxisbeispielen gehen wir gemeinsam mit den Teilnehmenden Gelingensbedingungen nach und erarbeiten mögliche Orientierungshilfen. 

Leitung: Johanna Brandstetter und Reto Stacher

Zu den Personen:

  • Johanna Brandstetter, Mag., Dozentin am Institut für Soziale Arbeit und Räume, Departement Soziale Arbeit der Ostschweizer Fachhochschule. Tätigkeitsbereiche: Forschung, Entwicklung, Lehre zu Themen der Kinder- und Jugendförderung, Kinder- und Jugendpolitik, Partizipation und Gemeindeentwicklung, Nachhaltige Entwicklung und Globales Lernen. 
  • Reto Stacher, Sozialarbeiter FH, Leiter Bereich Gesellschaft der Stadt Arbon. Tätigkeitsbereiche: Projektleitung, u.a. für das Projekt UNICEF Kinderfreundliche Gemeinde Arbon, Sozialraumarbeit, Gesellschaftsfragen

Denkinsel 4: Fallentlastung in der Sozialhilfe – durch eine investive Sozialpolitik einen sozialen und volkswirtschaftlichen Nutzen erwirken

Auf Initiative der Stadt Winterthur konnte eine Studie belegen, dass eine Fallentlastung der Sozialarbeitenden bei den Sozialen Diensten der Stadt Winterthur dazu beigetragen hat, die Sozialhilfekosten zu senken. Gelungen ist dies durch eine vermehrte Integration in den 1. Arbeitsmarkt, eine höhere Ablösequote und eine kürzere Unterstützungsdauer. Vor dem Hintergrund dieser Befunde darf die These aufgestellt werden, dass professionelles sozialarbeiterisches Handeln zu einer sozialen und wirtschaftlich nachhaltigen Entwicklung beitragen kann. Doch was wird in diesem Mehr an Zeit gemacht? Wie gelingt es, diese Zielsetzung zu erreichen? Wie muss man vorgehen, dass dieses Modell auch in anderen Gemeinden Schule machen kann?  

Leitung: Martin Gfeller

Zur Person: Martin Gfeller ist heute Amtsleiter der Sozialen Dienste der Stadt Frauenfeld. Der studierte Sozialarbeiter und Betriebswirt war davor Leiter der Sozialberatung der Stadt Winterthur und Mitinitiator der Studie zur Fallentlastung. 

Denkinsel 5: Integrity Management

Mitarbeitende von Organisationen geraten immer wieder in moralisch schwierige Situationen. Hier ethisch richtig (integer) zu entscheiden und Fehlverhalten zu vermeiden, betrachten wir als einen Faktor sozialer Nachhaltigkeit.
Doch welchen Kriterien soll man folgen, und wie werden integritätsfördernde Massnahmen im organisationalen Kontext praktisch umgesetzt? In diesem Workshop wollen wir mit Ihnen Anlässe, Möglichkeiten und Ansätze eines wirkungsvollen Integrity-Managements herausarbeiten und diskutieren, die sich auch in Organisationen sozialer Arbeit praktikabel umsetzen lassen.

Leitung: Florian Windisch und Alexander Schuchter

Zu den Personen: 

  • Florian Windisch ist juristisch wie ethisch ausgebildet und beschäftigt sich neben rechtsphilosophischen und ethischen Grundfragen auch mit verschiedenen Anwendungskontexten. Besondere Schwerpunkte seiner Arbeit bilden das ganzheitliche Entscheiden und die Abwägung bei Interessenskonflikten. 
  • Als unabhängiger forensischer Prüfer unterstützt Schuchter zahlreiche Organisationen bei vertraulichen Untersuchungen von Fehlverhalten. Er interviewte über 100 Wirtschaftsstraftäter persönlich und untersuchte bislang über 1'000 Verdachtsfälle. Zudem wird der ehem. Big 4-Prüfungsleiter als Trainer für organisationsinterne Schulungen gebucht.

Denkinsel 6: Der wunde Punkt: Überkonsum in der Sozialen Arbeit?

Soll nachhaltige Entwicklung in der Sozialen Arbeit mehr sein als ein Lippenbekenntnis, dann müssen wir uns auch mit dem Suffizienzerfordernis auseinandersetzen: der Frage nach einem möglichen Überkonsum sozialer Dienstleistungen und der Notwendigkeit einer Selbstbegrenzung derselben. Das ist ein wunder Punkt, denn prinzipiell gehen wir davon aus, dass es immer ein «zu wenig» als ein «zu viel» an sozialen Dienstleistungen gibt. Doch stimmt das? Warum muss z.B. in jedem Fall einer Pausenplatzschlägerei gleich die Schulsozialarbeit beigezogen und die Kontrahentinnen zu Einzelgesprächen eingeladen werden? Ist das notwendig, angemessen oder überflüssig? Es führt also, jenseits gut gemeinter Absichten und ideologischer Schaukämpfe, kein Weg an einer kritischen Auseinandersetzung vorbei: Ist der Ruf nach einem permanenten «Mehr» nachhaltig? Was wäre das richtige Mass an sozialen Dienstleistungen für eine Person? Wer soll es festlegen? Woran orientieren wir uns dabei?

Leitung: Mathias Lindenau und Marcel Meier-Kressig

Zu den Personen: 

  • Prof. Dr. Mathias Lindenau, Departement Soziale Arbeit, ZEN Zentrum für Ethik und Nachhaltigkeit
  • Prof. Dr. Marcel Meier-Kressig, Departement Soziale Arbeit, ZEN Zentrum für Ethik und Nachhaltigkeit

Denkinsel 7: Genossenschaftliche Wohnformen als Ausgangspunkte zur Entwicklung nachhaltiger Formen von Selbsthilfe und Selbstorganisation?

Die Niedrigzinsphase seit der Finanz- und Staatskrise 2008 hat zu stetigen Preisanstiegen im Immobilienmarkt geführt.  Kommunale Wohnbauförderung ist häufig gefangen zwischen Markt und öffentlicher Steuerung. Deshalb gewinnen alternative Formen des Wohnens und Bauens an Bedeutung. Ausgehend von einem Input mit konkreten Beispielen wollen wir im Workshop folgenden Fragen nachgehen: 

  • Mit welchen anderen gesellschaftlichen Fragen lassen sich Wohnfragen verknüpfen: Wohnen und … (Alter, Kinderbetreuung, Wohnraum für Geflüchtete etc.)
  • Wie lassen sich alternative Ansätze verstetigen, wie können sie nachhaltig vor Marktzugriffen geschützt werden?
  • Welche neuen Verhältnisse zwischen Sozialer Arbeit und aktivistischen und genossenschaftlichen Akteur_innen entstehen durch diese Formen des Wirtschaftens und welche sind denkbar?

Leitung: Lea Gerber und Axel Pohl 

Zu den Personen: 

  • Lea Gerber, Bereichsleiterin Politik und Grundlagen beim Verband Wohnbaugenossenschaften Schweiz 
  • Axel Pohl, Prof. Dr. rer.soc., Dozent an der OST, Co-Leiter des IFSAR-Schwerpunkts «Integration und Arbeit» 

Denkinsel 8: Nachhaltige Entwicklung als Chance und Herausforderung, die wir annehmen

Das Hotel Dom im Zentrum der Stadt St. Gallen ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Getragen wir dieses Hotel von der Stiftung Förderraum, welche im Hotel Dom und in anderen Bereichen und Angeboten Menschen mit einer Beeinträchtigung Lebens- Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Damit leistet der Förderraum einen wichtigen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit. Doch wie gelingt es einer Stiftung, den umfassenden Anspruch einer sozialen, ökologischen und wirtschaftliche Nachhaltigkeit gerecht zu werden? Wo liegen die Chancen, sich als Organisation konsequent einer nachhaltigen Entwicklung zu verpflichten? Wie gelingt es die Klientel, Mitarbeitende, Vertreterinnen und Vertreter der Politik oder auch die Gäste im Hotel Dom von der Idee einer nachhaltigen Entwicklung zu überzeugen?

Leitung: Alma Mähr

Zur Person: Alma Mähr, Geschäftsführerin förderraum

Denkinsel 9: Café RebelDía – gelebte nachhaltige Entwicklung

Café RebelDía ist ein exzellenter und biologisch angebauter Kaffee aus 100% Arabicabohnen. Produziert wird er von autonomen Kooperativen aus Südmexiko und aus den zapatistischen Gebieten im Hochland von Chiapas (Mexiko), welcher in einem Verständnis solidarischen Handelns den Weg zu den Kundinnen und Kunden findet. Solidarischer Handel bedeutet dabei mehr als den Kauf von Rohkaffee zu einem gerechteren Preis und die Unterstützung genossenschaftlicher Organisierung der Kaffeebäuerinnen und -bauern. Er beinhaltet für uns die direkte und aktive Unterstützung politischer und sozialer Bewegungen, wie die der Zapatistas und der indigenen Bewegung MAIZ (Oaxaca/Puebla), aber auch von Strukturen, die Menschenrechtsverteidigung leisten. Das Projekt Café RebelDia ist aus der politischen Arbeit zur zapatistischen Bewegung entstanden (Verein Direkte Solidarität mit Chiapas) und ist darum bis heute untrennbar mit der Soliarbeit der Direkten Solidarität mit Chiapas verbunden (chiapas.ch). 

Dieses Projekt repräsentiert eine konkrete Umsetzung der Idee, allen Ansprüchen einer sozialen, ökologischen und ökonomischen nachhaltigen Entwicklung gerecht zu werden.

Leitung: Andrea Steinauer

Zur Person: Andrea Steinauer ist seit vielen Jahren in der Direkten Solidarität mit Chiapas / Café RebelDia (Zürich) aktiv. Das Engagement ist ehrenamtlich. Beruflich unterrichtet sie Deutsch als Fremdsprache.

Denkinsel 10: Nachhaltigkeit: Generationenkluft überwinden

Die Frage nach Nachhaltigkeit wird auch als Konflikt zwischen Alt und Jung gelesen bzw. geframed. Greta sagt: «How dare you?» und meint damit die Generationen vor ihr. Diese wiederum schauen ihre Nachkommen an und fragen: «Warum fliegt ihr denn übers Wochenende nach Barcelona und hinterlasst jedes Openair-Gelände wie eine Müllhalde?» 

Solche Vereinfachungen sind nicht förderlich für die Welt von Morgen. In unserem Workshop wollen wir herausfinden, wie und wo die Generationen tatsächlich aufeinanderprallen, was sie in Sachen Nachhaltigkeit verbindet und unterscheidet, welche alternativen Pfade wir zur Verständigung beschreiten könnten und was es braucht, damit das dringliche Thema nachhaltig über alle Generationen hinweg verankert ist.  

Leitung: Corinne Riedener

Zu den Personen:

  • Corinne Riedener, Redaktion Saiten, Ostschweizer Kulturmagazin
  • Miriam Rizvi und Moritz Roman Rohner vom Klimastreik Ostschweiz
  • Richi Faust, seit 40 Jahren klimabewegt und Mitglied der KlimaseniorInnen
  • Cécile Federer, alt-Kantonsrätin und alt-Stadtparlamentarierin GRÜNE

Denkinsel 11: «Fake News» und «Manipulation»? Nein, Journalist:innen lügen nicht, sie haben nur keine Ahnung davon, was Relevanz im 21. Jahrhundert bedeutet

Abgesehen von ungenauem Arbeiten und dummen Fehlern, ist alles worüber Journalist:innen täglich berichten mit 99.9-prozentiger Wahrscheinlichkeit korrekt und richtig. Lüge und Manipulation? Fehl am Platz. Aber nur weil etwas richtig ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch wichtig ist. Medien haben kein Problem mit Wahrheit, sondern vielmehr mit Relevanz.  
Klimakrise, Artensterben sowie die unzähligen sozialen und ökonomischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden grösstenteils noch immer als Nischenthemen oder lediglich als naives Anliegen der «Klimajugend» behandelt. Auch Wirtschaftsthemen werden nach wie vor aus der für die Ökosysteme verheerenden Wachstumslogik beschrieben, oft untermauert mit Quotes der immer gleichen, aber wenig in die Zukunft denkenden politischen und wirtschaftlichen Akteure. Anstatt die Zukunft neu zu denken und ins Handeln zu kommen, wird journalistisch an Narrativen festgehalten, die nicht ernsthaft Teil der Lösung für die globalen Probleme sein können. Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Aufteilung der Ressorts in «Inland», «Ausland», «Politik», «Wirtschaft» oder «Finanzen», entlarvt nicht nur, dass Journalismus die Welt vor allem als wirtschaftliche Wachstumsmaschine begreift, sondern auch die Unfähigkeit, die immer komplexere Welt als Einheit zu denken. Es ist Zeit, medial die wirklichen Herausforderungen ins Zentrum der Berichterstattung zu stellen und journalistische Verantwortung zu übernehmen. Die zentrale Frage lautet: In welcher Welt wollen wir Menschen morgen leben?

Leitung: Philipp Bürkler

Zur Person: Philipp Bürkler ist Journalist und Künstler. Er arbeitet vor allem zu den Themen der sozialen und ökologischen Transformation. Er ist Gründer des RESET Forums, welches gemeinsam mit Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und der interessierten Öffentlichkeit nach Lösungen für die ökologischen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart sucht. Seit Frühling 2020 betreibt er das Online-Magazin resetter.org

Die OST – Ostschweizer Fachhochschule führt die Bodenseetagung in Kooperation mit dem Berufsverband AvenirSocial Sektion Ostschweiz und der FHS Alumni durch.