«Stadt gestalten»: Der freie und kritische Blick der Studierenden

Wie soll der Ruckhalde-Hang künftig genutzt werden? Diese Fragen stellen sich derzeit diverse Akteurinnen und Akteure in der Stadt St.Gallen. Studierende der OST – Ostschweizer Fachhochschule haben sich während ihres interdisziplinären Kurses «Stadt gestalten» ebenfalls mit der Entwicklung des Geländes zwischen Tschudiwis und Riethüsli auseinandergesetzt – mit interessanten Ergebnissen.

In der Schweiz gibt es immer weniger verfügbaren Boden. Dies stellt die hiesige Raumentwicklung vor eine grosse Herausforderung: Wie kann mit der begrenzten Ressource Boden sinnvoll umgegangen werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich auch Studierende der Fachbereiche Architektur, Soziale Arbeit und Wirtschaft der OST – Ostschweizer Fachhochschule im Kurs «Stadt gestalten», der im Rahmen des Interdisziplinären Kontextstudiums durchgeführt wurde. Im Mittelpunkt des Kurses stand die Zukunft des Quartiers Ruckhalde-Tschudiwies in der Stadt St.Gallen. Ein Thema, das aktuell und politisch brisant ist, da sich zurzeit verschiedene Akteurinnen und Akteure mit der Entwicklung dieses Gebiets auseinandersetzen. Die Ruckhalde ist nach der Eröffnung des gleichnamigen Tunnels der Appenzeller Bahnen vor gut zwei Jahren überbaubar geworden. Was auf dem Gelände zwischen Tschudiwies und Riethüsli dereinst gebaut werden soll, ist noch offen.

Mit Recherche vor Ort

In der vergangenen Woche befassten sich die Studierenden in einem offenen und experimentellen Prozess mit dem Gebiet und seiner möglichen Entwicklung. Sie führten Interviews mit Akteuren wie Anwohnerinnen und Anwohnern, Vertretern von Interessengemeinschaften, Stadtplanern, Schrebergartennutzerinnen und -nutzern oder Grundeigentümern. Sie gingen ins Quartier hinaus, nahmen das Gelände unter die Lupe und recherchierten viel über den städtischen Wohnungsmarkt, die Bevölkerungsentwicklung und nachhaltiges Bauen. «Ein wichtiges Ziel des Kurses ist es, die verschiedenen Rationalitäten und Perspektiven sichtbar zu machen, die beim Umgang mit Raum in städtischen Gebieten zum Tragen kommen», sagt der Soziologe und Modulverantwortliche Niklaus Reichle. Aus diesem Grund waren auch die Akteure involviert. «Wir wollten uns unvoreingenommen mit den verschiedenen Stimmen und vor allem auch mit dem Areal selbst auseinandersetzen», so die Architektin und Co-Modulleiterin Eva Lingg. Am Ende der Woche präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse. Dazu waren auch Interessengruppen, Grundeigentümer und Gemeindevertreter geladen.

«Alle Stimmen anhören – auch Unbeteiligte»

Eine Gruppe hatte die Bedürfnisse der verschiedenen Akteure miteinander verglichen und kam zum Schluss, dass die «sehr ähnlich» sind, einzig in der Prozessgestaltung würden sich die Involvierten unterscheiden. Eine andere Gruppe thematisierte die Stadtentwicklung, das nachhaltige Bauen und die «gescheiterten Projekte» in St.Gallen. Ihr Fazit: Zuerst sollte die Stadt ihren «hohen Leerwohnungsstand» minimieren, bevor die Ruckhalde überbaut werde. Die Gruppe kann sich gut vorstellen, das Gebiet als «Erholungsraum aufzuwerten und in Form einer Parkanlage mit einem Café der Bevölkerung zugänglich zu machen». Bei der Analyse der Prozessgestaltung war für die Studierenden rasch klar: «Es braucht Partizipation, es müssen alle Stimmen gehört werden», sagten sie und fügten an: «Vielleicht auch solche von Unbeteiligten.» Eine Gruppe sprach mit dem Quartierverantwortlichen über die Chancen und Herausforderungen des Areals, eine andere zog das Fazit, dass es insgesamt noch mehr Wissen brauche, um den Ruckhalde-Hang nachhaltig und sinnvoll zu nutzen. Wiederum andere Studierende gingen vor Ort und nahmen Quartier und Gelände bewusst mit all ihren Sinnen wahr. Solche Wahrnehmungen sollten ihrer Meinung nach auch in die Planung einbezogen werden. Überrascht hat die Studierenden bei ihrer Feldforschung, wie vielfältig das Quartier ist. Allerdings würde die «leere Fläche» das Quartier derzeit mehr trennen als verbinden und das sollte sich ändern.

Der Kurs «Stadt gestalten» fand im Rahmen des Interdisziplinären Kontextstudiums bereits zum zweiten Mal statt. Für den Modulverantwortlichen Niklaus Reichle ist dabei das fächerübergreifende Zusammenarbeiten, das kritische Hinterfragen und der «freie, unverstellte Blick» der Studierenden auf eine Idee oder ein Projekt sehr wertvoll. «Es kommen Ansichten zum Vorschein, die sonst im Verborgenen geblieben wären, und können so in die Praxis hineingetragen werden.»