Forschungsprojekt

Nachbarschaftsarbeit in Zeiten von Corona

Zwischen 2017 und 2019 hat das Institut für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule mit Unterstützung der Age-Stiftung das Forschungs- und Entwicklungsprojekt «Nachbarschaften als Beruf – Stellen konzipieren, einführen und entwickeln» durchgeführt.

Ausgangspunkt für dieses Projekt war die Beobachtung, dass in der Schweiz immer mehr Stellen geschaffen werden, in denen es um die professionelle Gestaltung, Begleitung und Förderung des (nachbarschaftlichen) Zusammenlebens geht. Diese Stellen haben vielfältige und mitunter schillernde Bezeichnungen: Siedlungsleiterin, Alltagscoach, Fachstelle Gemeinschaftsentwicklung, Siedlungs- und Wohnassistentin, Standortleitung, Hauswart plus, Projektleiter Wohn- und Lebensqualität, Siedlungscoach, Gesellschaftsgärtner u. v. m. Sie werden häufig von Wohnbaugenossenschaften, aber auch von Vereinen, Gemeinden und privaten Trägerschaften ins Leben gerufen. Fachpersonen der Nachbarschaftsarbeit setzen mit ihrer Arbeit in erster Linie am (nachbarschaftlichen) Zusammenleben an, sie arbeiten mit den Menschen vor Ort und übernehmen vielfältige Aufgaben. 

Durch die Untersuchung derlei Stellen hat das Projektteam zentrale Erfolgsfaktoren für die Konzeption, Einführung und Entwicklung nachbarschaftsorientierter Stellen in (Alters-)Siedlungen, Quartieren und Gemeinden identifiziert und in Form einer praxistauglichen Abschlusspublikation (inkl. Checkliste und Argumentarium) zur Verfügung gestellt.

Kurz nach Projektabschluss erreichte die weltweite Corona-Pandemie auch die Schweiz und veränderte das Leben und Arbeiten nahezu aller Menschen radikal, zumindest vorläufig. Dies hat das Projektteam, veranlasst, zu fragen, welche Herausforderungen und Chancen sich durch die Corona-Pandemie für die Nachbarschaftsarbeit ergeben, wie das Berufsfeld der Nachbarschaftsarbeit im aktuellen Kontext weiterentwickelt werden kann und welche Bedarfe an Formaten für Fachpersonen und Vertreterinnen und Vertreter von Trägerschaften, in welchen sich diese über die Nachbarschaftsarbeit und die Stellenentwicklung (während und nach der Corona-Pandemie) austauschen können, es allenfalls gibt.

Um diesen Fragen nachzugehen, hat das Projektteam verschiedene methodische Zugänge verwendet, insbesondere Interviews und Workshops mit Fachpersonen der Nachbarschaftsarbeit sowie Vertreterinnen und Vertretern der Trägerschaften.

In der Analyse der erhobenen Daten hat sich zunächst gezeigt, dass die Corona-Pandemie grosse Auswirkungen auf das (nachbarschaftliche) Zusammenleben der Menschen hat, – und damit auch auf die Grundlage der Nachbarschaftsarbeit. Die Herausforderungen und Chancen für die Nachbarschaftsarbeit infolge der Corona-Pandemie lassen sich entlang von vier Handlungsbereichen der Fachpersonen systematisieren: im professionellen Selbstverständnis der Fachpersonen, in der Arbeit der Fachpersonen mit den Adressatinnen und Adressaten, in der organisationsinternen (Zusammen-)Arbeit der Fachpersonen und in der Zusammenarbeit der Fachpersonen mit Externen.

Anknüpfend an die Chancen und Herausforderungen in diesen vier Handlungsbereichen können sechs Entwicklungslinien benannt werden, welche für die Weiterentwicklung des Berufsfelds der Nachbarschaftsarbeit infolge der Corona-Pandemie wichtig sind:

Für die Fachpersonen ist bedeutsam, dass sie ihr Aufgabenprofil und ihr professionelles Selbstverständnis (im Kontext der Corona-Pandemie) reflektieren und damit schärfen können. Weiter gilt es, den Austausch mit anderen Fachpersonen zu fördern, sodass diese sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können. Weiterbildungen zu digitalen Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten sind ein grosses Bedürfnis der Fachpersonen, welchem nachgekommen werden sollte. Die Arbeitsweise innerhalb der Organisationen sollte vor dem Hintergrund der coronabedingten Erfahrungen evaluiert und weiterentwickelt werden. Die baulichen Voraussetzungen und Reglementierungen von Räumen sind den Corona-Bedingungen nicht überall angemessen und sollten daher geprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Die vielerorts entstandenen Freiwilligennetzwerke und informellen Partizipationsformen sollten evauliert und gegebenenfalls weiterentwickelt werden.

Die Fachpersonen und deren Trägerschaften kommen Grossteils gut durch die Corona-Pandemie. Sie verfügen über das Rüstzeug, die Arbeit den Corona-Bedingungen anzupassen, respektive begeben sich engagiert in entsprechende Lern- und Entwicklungsprozesse. Die Corona-Pandemie – so die einhellige Meinung – veranschaulicht ganz besonders, wie wichtig die Arbeit der Fachpersonen ist, welche sich um tragfähige Nachbarschaftsbeziehungen bemühen.  

 

Den Bericht zum Projekt «Nachbarschafsarbeit in Zeiten von Corona» finden Sie hier: Link zum Bericht

Den Bericht zum Vorgängerprojekt «Nachbarschaften als Beruf – Stellen konzipieren, einführen und entwickeln» (2. Auflage) finden Sie hier: Link zum Bericht

Druckexemplare des Berichts zum Vorgängerprojekt können beim IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule bestellt werden: nicola.hilti(at)ost.ch

Projektfinanzierung: Age-Stiftung Zürich